Indien

Auf dieser Webseite findest du Auszüge aus dem Buch „Indien-Backstage“ von Patrik Ehnsperg. Das Buch ist auch in einer Kindleversion erhältlich.

Beides auf http://www.amazon.de

Das Buch „Indien-Backstage“ ist eine Reisereportage und zugleich ein Reiseführer zu wenig bekannten Orten und Plätzen, außerhalb des Massentourismus.

https://www.amazon.de/Indien-Backstage-Ausgabe-Patrik-Ehnsperg/dp/1507647964/ref=sr_1_9?s=books&ie=UTF8&qid=1510045040&sr=1-9

Die Kindle – Version zum herunterladen:

Einleitung:

„Ich verbringe noch einen Nachmittag in Poona. Ich mag dieses Vier-Millionen-Stinkloch, es hat Charme, ich treffe keinen Unfreundlichen, bewundere nur wieder das indische Talent, das Unübersehbare zu übersehen“.

Andreas Altmann (Mit dem Zug durch Indien)

  

„Nach dem Konsum der historischen Stätten und der Kunstobjekte können sie hier, vor dem Rücktransport ins Hotel, angefächelt von Ventilatoren, ein eisgekühltes Getränk genießen und Objekte der Souvenierindustrie erwerben. Sie folgen dem Zyklus Hotel – Bus – Tempel – Shop – Bus – Hotel, denn ein Kontakt mit der Stadt selbst, ein Herumirren in einem fremdartigen Sub-Standard-Bezirk, der keinerlei Ruhepunkte anbietet, wär für sie ein traumatischer Vorgang“.

Gerhard Amanshauser (Der Ohne-Namen-See)

Dies ist kein Reiseroman, auch keine Fotoreportage über die Schönheiten eines fernen Landes. Es ist auch keine Auflistung von interessanten Plätzen, Sehenswürdigkeiten oder speziellen Orten. Wer derartiges erwartet, wird automatisch enttäuscht sein. Um ein Land und seine Menschen zu verstehen oder dies auch nur zu versuchen, um es tatsächlich in ungeschminkter Weise, mit allen Vorzügen und Nachteilen kennen zu lernen, ist es angeraten, sich möglichst abseits all dessen zu bewegen. Auch den Mut sollte man besitzen, völlig Unbekanntes schon hinter der nächsten Ecke auf sich zukommen zu lassen und für Überraschungen in allen möglichen Formen offen zu sein, ja diese sogar willkommen zu heißen, auch wenn sie auf den ersten Blick vielleicht nicht immer Anlass dafür zu bieten scheinen. Selbst das Risiko, gelegentlich zu verzweifeln oder im schlimmsten Falle, sogar unterzugehen, darf einen nicht davon abschrecken, hinter die Geheimnisse einer völlig fremden Lebensweise kommen zu wollen und dabei all die vielfältigen Vorhänge touristischen Scheins stetig von neuem beiseite zu schieben.

Alle in diesem Buch vorkommenden Personen sind NICHT frei erfunden!

Die hier beschriebenen Erlebnisse und Ereignisse (so unglaublich das, für die mit diesem Land nicht vertrauten Leser an manchen Stellen auch erscheinen mag) haben in der Weise stattgefunden, wie sie im Folgenden geschildert sind. Es wurde versucht, so gut es ging nichts zu beschönigen, aber auch nichts zu dramatisieren. Die Eindrücke so wieder zu geben, wie sie im Moment ihres Ursprunges entstanden sind.

Der Autor

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Ein normaler indischer Reisezug besteht aus einer großen Lokomotive und fünfzig Waggons. Was hier nun einer Länge von etwa einem Kilometer entspricht. (Zum Vergleich, in Westeuropa bestehen Reisezüge aus 4 – 10 Waggons). Verlottert und klapprig boten die einheitlichen, blauweißen Waggons mit ihren vergitterten Fenstern ein Bild, als seien sie aus einer Zeit vor der Unabhängigkeitserklärung herübergerettet worden. In Wahrheit waren sie kaum älter als zwanzig oder dreißig Jahre.

 (Aus Indien-Backstage – Abreise aus Delhi)

Delhi

Nach all jenen widerwärtigen Behandlungen und unsinnigen Befragungen, welche man bei Einreisen zu überstehen hatte, zeigte sich oft, welche Nationen die Stufen eines sogenannten Entwicklungslandes bereits verlassen hatten, und welche nicht. Einen Vorgeschmack boten  gleich die Ersten von jenen hunderten noch auszufüllenden indischen Zettel, welche im Laufe der nächsten Wochen folgen sollten. Jenem Hineinmalen in Blockbuchstaben, meines Namens und Vornamens, in enge Kästchen, auch alle etwaigen früheren Namen, der Offenlegung jetziger und etwaiger abgelegter Staatsbürgerschaften, der Nummer meines Reisepass sowie meiner zukünftigen oder permanenten Wohnadresse in Indien, jener in Europa und sonst wo, meiner in- und ausländischen Telefonnummern unter welchen ich während meines Aufenthaltes erreichbar war, einer aktuellen Mailadresse sowie zuletzt einer eidesstattlichen Versicherung niemals pakistanischer Staatsbürger gewesen zu sein. Dann noch  mein derzeitiges Alter in Ziffern, die Vornamen meiner Eltern und anderer Daten welche für den indischen Staatsapparat offenbar von großer Bedeutung waren. Ich war erschöpft, übler Laune und froh darüber von einem Bediensteten des Hotels abgeholt zu werden.

Durch die Zeitverschiebung war es 1:00 Uhr nachts.

Das automatische Tor öffnete sich und eine wogende, dunkle Wand aus armseligen Leibern drängte sich hinter den Absperrungen und hielt mir ihre Tafeln aus handgemalten, meist unentzifferbaren Buchstaben und Zeichen entgegen.

Entlang hässlicher, schmutziger Betonwände, über holprige düstere Stadtautobahnen, ging die Fahrt eine Stunde lang durch eine finstere Stadt, die anders aussah als alle Städte welche ich bisher gesehen hatte.

Drei Monate zuvor war ich noch der Ansicht mit Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, gerade eine der hässlichsten Städte der Welt betreten zu haben. Hier war man jedoch noch um Längen weiter, was Schmutz, Verwahrlosung und Hässlichkeit betraf.  Zweifellos, hier war das Ende der Welt!

Das Hotel und auch das Zimmer, welches man mir zuwies, hatten den Charme und das Mobiliar der Sowjetunion. Zu Breschnew`s Zeiten.

Trotz elender Müdigkeit, hier war ich noch nicht bereit mich schlafen zu legen, brauchte noch eine Zeit etwas mehr anzukommen, mit einem kurzen Spaziergang durch die nächtliche Umgebung des Hotels. Das erste Rudel streunender Hunde begrüßte mich bereits vor dem Eingang. Rechts und links, entlang der Straße lagen in Decken und Fetzen gehüllte Menschen auf dem was man hier Gehsteig nannte, zusammengekauert in vermüllten Eingangsschluchten, oder schlafend auf den Hinterbänken ihrer abgestellten Rikschas oder Tucktucks (Mopedrikschas). Bei jenem ersten kurzen, vorsichtigen Umhergehen, welches ich im Umkreis von fünfhundert Metern wagte, ständig achtgebend, in der Dunkelheit nicht etwa auf hingestreckte Hände oder Beine jener Schlafenden oder Verkrüppelten und mich aus ihren wachen Augen Anstarrenden zu steigen, bekam ich einen kurzen schauderhaften Eindruck dessen was mir bevorstand.

Zu schweigen von  dem Müll, dem Gerümpel und Schutt, den ekelhaften schmutzigen und zerrissenen Fetzen oder Planen aus Stoff oder Plastik, welche von rostigen Stangen oder von Gerüsten herabhingen und unter welchen man sich hindurch zu bücken hatte, oder welche zu übersteigen waren. Je nachdem.

Eines war mir inzwischen bewusst geworden, ich hatte, hier in Delhi soeben immerhin den ersten Kulturschock meines weitgereisten Lebens bekommen.

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Was einem, auf den ersten Blick, als großer Unterschied vorkam, sogar noch zu einem Land wie China, war eine gewisse, für uns Europäer, gewohnte Distanz. Während einem sich hier, jedenfalls in Old Delhi, unablässig Hände bis an den Körper entgegen streckten. Von Bettlern, verwahrlosten Kindern, Rikschafahrern, Schleppern und Kofferträgern. Man schien hier vor allem eines zu sein; Willkommene Beute für Horden von Habenichtsen, welche einem auf den Leib rückten, anfassten, umringten und jegliche Distanz vermissen ließen. Doch vielleicht war dies nur Zeichen des tiefen Kulturschocks.

Etwas was mir bisher unbekannt war auf all meinen Reisen, bei all meinen Ankommen in anderen asiatischen Ländern. Wie unterschied man als Fremder zwischen übertriebener Freundlichkeit, fragwürdiger Hilfsbereitschaft gegenüber neu Angekommenen (für uns West-Menschen ohnedies von vorneherein verdächtig) und den seichten Vorwänden zur bloßen Steigerung der eigenen Einnahmen? Mochte manches vielleicht tatsächlich als selbstlose Gastfreundschaft gemeint sein? Dies zu unterscheiden war wohl eine der schwierigsten Erfahrungen, welche man in diesem Indien zu lernen hatte.

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Rikschafahrten erwiesen sich für mein Empfinden als durchaus taugliche Transportmöglichkeit in einer Großstadt. Man verschaffte dem Anbieter eine geringe Verdienstmöglichkeit, war nicht eingezwängt zwischen Menschenmassen, einigte sich auf ein bestimmtes Ziel, und wurde meist Dort abgeladen, wohin man tatsächlich wollte. Die dazu nötige Kunst des Feilschens war natürlich eine typische asiatische. Anfangs war es immer schwer zu unterscheiden, ob man auf einen der seltenen Fahrer gestoßen war, welcher jenen Preis nannte den die Fahrt tatsächlich wert war, oder etwa einen fünffach überhöhten. Versuchte man bei Ersterem den Preis zu drücken galt man als unverschämt. Versuchte man es bei Zweiten nicht, galt man als Idiot.

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Am Roten Fort, eine der großen Attraktionen Delhi` s, staute sich die Menschenmenge bereits vor dem Einlass. Doch ich war ohnedies nicht gekommen um Touristenattraktionen zu besichtigen wo sich Fremde unter Fremden gegenseitig auf die Füße traten und zwischen aufpolierter, aber verblasster Geschichte fast zu Kitsch verkommene Denkmäler anstarrten, sondern um jenes Indien hinter den Kulissen zu entdecken. Um halb geschlossene Türen zu öffnen, da oder dort Deckel anzuheben, durch enge Luken, über niedrige Mauern zu schauen, um jenes Indien zu erleben, zu erfahren und aufzunehmen. Was immer abseits jener Hochglanzbroschüren mir gegenüberzutreten bereit war.

Statt des Forts beschloss ich nun einzudringen in das babylonische Treiben des nahen Chandni Cauk Bazars.

Ein Mensch steuerte im Gewühl schnurstracks auf mich zu, mit einem rostigen Nagel oder etwas ähnlichem in der Hand, deutete auf mein Ohr. Ich ahnte worum es ging. Ein Blick über seine Schultern genügte. An der schmutzigen Mauer entlang der Gasse lehnte bereits die Kundschaft seiner Geschäftspartner. Man kam offenbar auch hierher um sich die Ohren ausputzen zu lassen. Im Umkreis sah ich noch zwei oder drei andere auf Kundenfang, diesem Nischengeschäft nachgehend. Was ich schließlich als nicht wenig riskant empfand. Ein Stoß im Trubel der Menge genügte, und man konnte sich von seinem Trommelfell verabschieden. Aber, immerhin, Ideen hatten Sie, dass musste man ihnen lassen. Mutige Kundschaft auch. Durch ein schmales Tor bemerkte ich im Innenhof eines Gebäudes eine Schlange von Menschen, die sich vor irgendetwas anstellte. Ein paar Äffchen turnten am Dach einer WC-Anlage, welche sich ebenfalls in diesem Hof befand. Als die Affen meine Kamera bemerkten begannen sie wilde Grimassen zu schneiden, zu gestikulieren und aufgeregt herum zu springen.

Indiens Paranoia vor den mannigfaltigen Feinden, von denen es sich umzingelt fühlte zeigte sich allerorts. Jeder kleinere und größere Platz, jede Durchzugsstraße, jeder Metroabgang usw. wurde von kleineren oder größeren Aufgeboten an Polizeikräften beobachtet. Beim Betreten einer normalen U-Bahn-Station musste man nicht nur durch den Bogen eines altertümlichen Flughafenscanners hindurch, sondern hatte auch seine Taschen durchsuchen zu lassen. Jenes mir so verhasste persönliche Abtasten am ganzen Körper, von Kopf bis Fuß, durch irgendwelche verkleideten Affen musste man ebenfalls über sich ergehen lassen und noch zwischen den kritischen Blicken schwer bewaffneter, sogar hinter Sandsäcken (!) verbarrikadierter Soldaten  hindurch, als ob man sich mitten im wildesten Kriegsgebiet befand.

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Gleichzeitig in einer riesigen Kreuzung sah ich neben zwanzig oder dreißig Fußgänger die kreuz und quer über die Fahrbahn sprinteten, zehn oder elf Motorradfahrer, dreizehn Motorradtucktucks, drei Autobusse, zwei Lkw, drei oder vier geschobene und mehrere Meter hoch beladene Handkarren, zahlreiche Rikschas wie jene auf welcher ich gerade saß, eine Kuh, zwei Hunde sowie einen Reiter auf einem weiße drapierten Zirkuspferd und einiges Andere was in der Eile meiner genaueren Aufmerksamkeit entging.

Als ein, an westliche Verkehrsregeln gewohnter Mensch, war man stets verblüfft, dass nach Auflösung dieser Knäuel alle Beteiligten das Feld wieder lebend verließen.

„Connaught Circus“. Mittelpunkt der Stadt. Als die Briten sich entschlossen die Hauptstadt Indiens von Kalkutta nach Delhi zu verlegen entstand als erstes auf dem Reißbrett ein sternförmiger Mittelpunkt der neu zu bauenden Metropole.

Zehn Hauptstraßen verließen den Kreis in alle Richtungen, eine davon direkt zum Präsidentenpalast. Erwartete man sich hier heute jedoch einen eleganten Champs-Élysées so hatte man die Rechnung natürlich ohne die Inder gemacht. Wie in der ganzen Stadt so auch hier nichts als endlose nie fertig werdende Baustellen, mit Schutt und Ziegelhaufen allerorts, mit dilettantischen Bemühungen und mittelalterlichen Methoden dem gesamten Platz ohne Unterlass zu Leibe zu rücken.

Um 1560 wurde mit dem Bau durch Humayun`s Witwe begonnen. Die Bauherrin behielt ein misstrauisches Auge auf die Arbeiten und schlug sogar vor Ort ihr Lager auf. Später diente das Gelände als Zufluchtsort für den letzten Herrscher Indiens, Bahadir Shah II. (1775–1862), den die Briten 1857 an diesem Ort gefangen nahmen. Durch ein Tor, hinter dem man sich sogleich in einer indischen Märchenszenerie befand, erreichte man einen angenehmen Park, in dessen Mitte das riesige Mausoleum lag. Der Mobiltelefonitis stand man auch hier, in dieser Oase, am Rande der rauchenden Metropole ratlos gegenüber.

Am New- Delhi Bahnhof, an dem wenig New war, wurde einem als Ausländer ein guter Service geboten. Im Foreign-Tourist-Counter im ersten Stock. Zuerst ging es über Menschenmengen. Vor den gewöhnlichen Schaltern zu ebener Erde, dessen Aufschriften für mich unlesbar waren, standen  sie zu Dutzenden an.

In dem spartanischen Zimmer des Ausländerbüros im 1.Stock saß auf einem Stuhl neben mir die junge Mary aus Birmingham. Klein, zierlich, gepflegt, gebildet. Keine die man als Tramperin erwartet. Das noch Erstaunlichere: Mary reiste allein. Nicht nur das, nicht nur allein durch Indien, auch allein durch Pakistan, selbst Bangladesch schreckte sie nicht. Das einzige wovor sie sich etwas fürchtete, war jene ihr bekannte Tatsache, wonach es in Bangladesch allein reisenden Frauen nicht gestattet war in Hotels Zimmer zu buchen. Doch auch dieses nicht allzu große Problem wie sie meinte, werde sich auf die eine oder andere Weise lösen lassen. In Bangladesch lebten meines Wissens die meisten Menschen der Welt pro Quadratmeter auf engstem Raum zusammen. In keinem anderen Land lebte man derart dicht gedrängt. Zudem war Bangladesch nicht gerade als Hort der Frauenrechte bekannt. Wenn ich jemals zehn wahrhaft mutige Menschen in meinem Leben kennengelernt hatte, so war Mary zweifellos einer von ihnen.  Wir sprachen über Indien, Delhi, die Eindrücke welche sich einem Europäer hier unweigerlich boten. Ja, meinte sie, wer Delhi überlebt, der schafft es überall. Nicht unwahr. Sollte sie etwa stattdessen als biedere Pauschaltouristin nach Mallorca Reisen, anstatt hier als junge Frau Überlebenstraining für die nächsten 30 spannenden Jahre ihres Lebens zu absolvieren? Solch ein Mensch baute einen auf, hatte nicht bei der ersten Kleinigkeit das Handtuch geschmissen um sich zurück in den warmen Schoß der Kleinbürger zu begeben. Sie war entschlossen ihren Horizont über die eigene Thujenhecke hinaus zu erweitern. Ich wünschte ihr im Geiste alles Gute und mochte sie so heimkehren wie sie abgereist war, lediglich um gute Erfahrungen reicher.

Kaum hatte ich einen Schritt weit den Bahnhof verlassen war ich sofort wieder ein Begehrter: „Taxi!“, „Rikscha!“, „Hotel!“, „Sir, Sir, warten Sie, warten Sie“, „…….!“, die üblichen Vorschläge aus zehn, zwanzig Mündern gleichzeitig zugerufen. Indien.

Wonach ich nun Sehnsucht hatte, war etwas Ruhe, Abstand, soviel freien Raum um mich herum, wie ich zwischendurch benötigte. Etwas Muße für jene vielen in meinem Kopf kreisenden oder fehlenden Puzzlestücke, um endlich das Gefühl zu spüren, dass ich  langsam wirklich in Indien ankam.

Die Bilder und Gedanken an Europa stellten sich in solchen Momenten vermutlich bei den meisten ein. Zahlreiche Verbesserungsvorschläge führte man als Europäer im Gepäck um sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit da und dort abzuladen. Am besten war aber wohl, sie ungeöffnet im Safe des Bahnhofes zu deponieren, solange bis man wieder abreiste. Hier zu sein, mitten im exotischen Indien, zu sehen, das Land anzunehmen wie es war, nichts als das war schließlich die Devise! Kaum hatte ich mich jedoch vor einer Häuserfront, entlang der Straße hingestellt und warf einige Blicke auf die bunten, desolaten Fassaden, waren die üblichen Hilfsbereiten um mich geschart…

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Von allen Seiten prasselten die Worte auf mich nieder: „Gehen Sie nicht in diese Richtung, Sir, was wollen Sie dort, warum schauen Sie dorthin…? Die Leute in diesem Bezirk sind sehr arm, gehen Sie nicht dorthin. Kommen Sie mit mir! Ich zeige Ihnen die schönen Plätze. Dort gibt es nichts! Folgen Sie mir dahin, ich bin Ihr Freund! Wenn Sie dorthin gehen, wird man Sie all Ihrer Dinge berauben, Sie werden nichts mehr haben! Hören Sie auf mich, folgen Sie mir…!!!”  “Wenn Sie dorthin gehen werden Sie es für immer bereuen, man wird alles nehmen, Sie vergewaltigen, Sie töten! Nur mit sind sie bist du sicher…!”

Entlang der Bahnstrecke kam ich in Berührung mit den ersten, wirklichen Slums. Müllsäcke, aufgeschnitten, am rostigen Zaun des Eisenbahngeländes notdürftig befestigt, zusammengeknüpft zu elenden Behausungen. Dafür gab es vermutlich kaum eine andere Definition als diese. Hier hatten sie sozusagen das Ende der Gesellschaft erreicht! Noch einen Stock tiefer konnte man nicht mehr fallen. Denn der Stock tiefer, der Tod, war wohl in Wahrheit bereits ein Aufstieg. Ein Aufstieg von hier ins Nirwana, das konnte nur Verbesserung bedeuten.

Der in allen Straßen ohne Abstand endlos und dröhnend vorüberrollende Verkehr, aus allem zusammengesetzt was sich irgendwie fahren oder bewegen ließ und machte jede Überquerung einer mehrspurigen Fahrbahn zu einer lebensgefährlichen Unternehmung. Fußgänger waren in Indiens Verkehrsplanung nicht existent. Es gab nur lediglich hunderte Millionen von ihnen.

Irgendwie war ein kleines, völlig nacktes Mädchen aus einem der Slumzelte auf eine winzige Verkehrsinsel inmitten dieses Molochs gelangt. Breitbeinig dastehend pisste es auf die nackte Erde zwischen ihren Beinen, schaute danach auf, sah die Mutter auf der anderen Seite der Straße unter ihrem Fetzendach hantieren, und begann, völlig auf sich gestellt, bitterlich zu weinen. Zwei andere, etwas ältere, mit sauberen Schuluniformen bekleidete Mädchen, kamen von der anderen Seite der Straße, gingen provokant auf das nackte kleinen Mädchen zu, anstatt zu helfen, rissen sie es nur an ihren  Haaren, lachten und gingen weiter. Irgendwann bemerkte die Mutter endlich ihr Kind, eilte durch den rasenden Verkehr über die Straße, packte ihr Kind zog es zurück in ihre Fetzenbaracke. Ihr gemeinsames Heim. Welch eine Zukunft konnte solch ein Kind vor sich haben?

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Welch üble Taten vergangener Leben hatte dieses kleine Kind hier auszubaden, schenkte man karmischen Vorstellungen glauben. Tat man das nicht, erschien solch eine Strafe nur noch sinnloser. Konnte irgendwo, wie auch immer, ein Begriff von göttlicher Gerechtigkeit in all seiner Härte und Grausamkeit weniger Göttliches an sich haben? Hatten Kinder, welche in solch infernalischer Umgebung aufwuchsen die geringste Chance ihr Leben, ihre Handlungen jemals einem Guten zuzuwenden und selbst andere Wege zu beschreiten als ihre Mütter oder Väter und deren Vorfahren am Rande der Gesellschaft? Hatten jene am Ende des Tages noch mehr als irgendeinen Rest von Kraft, einen Rest davon, der dazu benötigt wurde nichts anderes als den jeweiligen Tag zu überleben?

Der Palast Birla Manchir war mit umgedrehten Hakenkreuzen, dem altindischen Sonnenzeichen übersät und hatte erfreulicherweise auch eine größere Parkanlage im Hintergrund. Keine Abgaswolken raubten einem hier den Atem. Kein tausendfaches Hupen fuhr einem durch Mark und Bein. Junge, elegante Inder führten hier ihre Mädchen aus, einige drapiert wie Zirkuspferde, in leuchtenden Saris, von Silber und Goldplättchen an Körper und Kleidung glitzernd. Mit riesigen goldenen Ringen an den Ohren baumelnd, Kettchen über Kettchen an Armen und Beinen. Nun, jedem das Seine!

Menschen, Landschaften und Dörfer des damals fernen, rätselhaften Orients. Abbildungen von bunten orientalischen Märkten und Städten mit ihren Bazaren, romantisch verwinkelten Gassen und Innenhöfen aus nachchristlicher Zeit. Besah man sich heute, hier, dieses Treiben, das allgegenwärtige Gedränge, samt seinem Schmutz und Gestank in all seiner Wirklichkeit, so konnte man wahrhaft ein Gefühl dafür entwickeln wie wenig romantisch das Leben in zu jener damaligen Zeit in Wahrheit vermutlich gewesen war.

Von der Steigerung der Unzulänglichkeiten im heutigen Indien, wie verpesteter Luft und vergifteten Abwässern, aus unzähligen Rinnsalen zwischen halb verfallenen oder schlecht gemauerten Bauwerken tropfend, inmitten der Berge von Abfällen der heutigen indischen Verwertungsgesellschaft nicht zu reden. Auf Indiens Straßen, von den mannigfaltigen Eindrücken erdrückt, zwischen berittenen Boten, ewig streunenden Tieren, Ausrufern, Handwerkern und Schlächtern, zwischen Garküchen und Holzfeuern auf schlammigen Wegen, umgeben von durch Krankheiten und Seuchen entstellten Menschen, zwielichtigen und undurchschaubaren Elementen drängten sich einem jene Vergleiche ins Bild.

Später, am Abend, begab ich mich noch einmal in jene engen Gassen der Bazare in Richtung Osten. Gab es eigentlich in Old-Delhi noch andere Viertel, außer jenen mit ihren Bazaren, mit Menschen und Waren vollgestopft? Alle paar Meter die gleichen Waren, dieselbe Auswahl an Obst und Gemüse.

Die Gegend in die ich kam war  muslimisch geprägt.  Anstatt der streunenden Kühe bekam man hier eher Schafe zu Gesicht. Angebunden an kurzen Stricken vor den Haustüren, dahinter enge, düstere Räume. Seltsam aussehende Rassen sah man, mit truthahnähnlichen, riesigen Nasen und Buckel, abstoßend hässlich.

Immerhin war ich der einzige Weiße weit und breit und diese Dunkelheit brachte auch Vorteile. In der Finsternis war man nicht wie bei Tageslicht, ein sogleich erspähtes bleichgesichtiges Opfer und somit potentieller Zahler.  Als Weißer erkannt zu werden bedeutete in jenen Gassen Indiens meistens nur eines; man war im Unterschied zu den anderen ringsum, derjenige mit dem meisten, vermuteten Geld. Wurde Umverteilung in Indien ansonsten nicht besonders großgeschrieben, in Bezug auf Menschen welche aus dem westlichen Ausland kamen sah man das anders. Am Einfallsreichtum scheiterte es  jedenfalls nicht. Dennoch, das größte Risiko in Delhi ging kaum von jenen Massen von Habenichtsen aus, welche einen ständig umringten. Die wirkliche Gefahr lag außerhalb dieser schmalen Gassen. Auf den breiten, endlos langen Hauptstraßen der Stadt. Dort wo ohne Unterlass ganz oder weniger motorisierte Untersätze aus allen Richtungen auf einen zuschossen.

Geräuschlos oder hupend, beleuchtet oder finster! Kaum ein elendes und verruchtes Quartier in der Stadt, noch so arm und dunkel, konnte es an Gefährlichkeit aufnehmen mit dem bloßen Versuch eine jener mörderischen Hauptstraßen unbeschadet überqueren zu wollen. Dort konnte nur jeder um sein Leben rennen, und wer das nicht konnte, der war in den engen Grenzen seines Viertels gefangen.

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Große Gefahr ging selten von jenen Menschen aus, welche sich zu Fuß oder auf zusammengebastelten Gestellen als entstellte Krüppel in jenen finsteren und engen Gassen herumtrieben, mochten sie auch noch so grotesk oder furchterregend aussehen. Schutt, Trümmer und Müllberge, am Boden kauernde Menschen oder Tiere, umgestürzte Säulen, Masten, oder baumelnde Elektroleitungen, über alles konnte man nachts stürzen. Die wahren Gefahren lauerten aber unter den Füßen des ahnungslos Reisenden, oder darin was darunter gerade fehlte! Kaum eine Straße war ausreichend beleuchtet. So konnte man in zahlreichen dunklen Löchern auf den Straßen und Gehwegen, in ungedeckten Schächten oder offenen Baugruben von einer Sekunde auf die andere, spurlos im Untergrund der Stadt verschwinden. Kanaldeckel waren Mangelware, das Sichern von Baugruben der blanke Luxus.

Woher die unvorstellbaren Mengen an Schutt, Ziegelsteinen, Betonbrocken usw. eigentlich kamen, dessen Anblick in kaum einer Straße, einem Platz, irgendeinem Winkel fehlte, war mir unverständlich.

Gehsteige waren in ganz Indien, wenn überhaupt, ohnedies nur in Fragmenten vorhanden.

Als hätte es doch zu irgendeiner Zeit so etwas wie einen übergeordneten Plan gegeben, ein dahintersteckendes System.

An allen Ecken und Enden wurde geflickt, gestemmt, den Resten von dem was von jenen einstigen Strukturen noch vorhanden war, mit Krampen und Hacken zu Leibe gerückt. Man schaufelte da etwas hin, mörtelte dort etwas auf. Irgendwann wurden die Arbeiten schließlich wieder aufgegeben. Übrig gelassen für eine spätere, niemals stattfindende Vollendung.

Jener Unterschied zum großen Nachbarn China – wie Indien als Schwellenland bezeichnet – der für mich am auffälligsten war; in China, in Städten wie Peking oder Kanton hatte man das Gefühl eines im Hintergrund tätigen Netzwerkes, langfristiger politischer und gesellschaftlicher Zielsetzungen, mit etwas, wie einem großen Plan für eine bessere Zukunft im Hinterkopf. Auch dort viel Schutt und zahllose Baustellen. Jedoch fast alle verschwanden irgendwann. Es wurde ein großes Ganzes daraus, an irgendeinem Tag.

Während hier, der Hauptstadt von immerhin weit über 1200 Milliarden Menschen, in Delhi in Wahrheit nur nach außen hin ein Eindruck erweckt werden sollte, es geschehe etwas!

Durch eine altmodische, überstrapazierte Bürokratie veranlasst, hier und da ein Zeichen zu setzen, ohne Koordination, ohne Sinn und Ziel. Dessen hervorgebrachte Ergebnisse in den meisten Fällen zu nichts anderem führten als noch mehr Chaos zu erzeugen. Mehr als  davor bereits bestanden hatte. In Wahrheit, durfte man vermuten, hatte die Politik jede Art von übergeordneten Zielen in diesem Land längst aufgegeben. Das Chaos wucherte durch alle Ritzen, durch jeden noch so dünnen Spalt.

Was blieb war eine Verwaltung einstiger Zusammenhänge, noch existierender Fragmente da und dort. Wie die übrig gebliebenen Reste eines unüberschau- baren Puzzles in dem viele Teile längst fehlten. Um den Schein zu wahren, lediglich die eigene, riesige und korrupte Bürokratie zu rechtfertigen oder um einfach Menschen mit irgendetwas zu beschäftigen.

Der Abschluss des heutigen Abends sollte in einer echten indischen BAR stattfinden. Verrucht, unter blinkender Leuchtreklame war der schmale Eingang. Man hatte lediglich die Gesichtskontrolle von zwei oder drei Türstehern zu passieren und war in Old Delhis Nachtleben gelandet.

All das entbehrte immerhin nicht einer gewissen Komik. Hinter den etwa zehn Tischen, durchwegs mit Männern besetzt, kleinen Gewerbetreibenden, Taxifahrern, Hotelportiers, etwa aus diesen Kategorien, war am Ende eines dunklen Schlauches eine Art Podest zu sehen. Mit weißem Leintuch überdeckt. Darauf, im Schneidersitz der singende Familienbetrieb. Vater, Tochter Eins und Tochter Zwei. Abwechselnd am Mikrofon, warfen sie indische Schlager in vollen Tönen durch geräuschvolle Lautsprecher in den Raum. Eine Hammondorgel, dazu ein elektrisches Schlagzeug, kurz, ein ganzes Orchester im Hintergrund. Das Erstaunlichste: während der Krawall bereits nach Minuten bei mir die Grenze des Erträglichen überschritten hatte, trudelte auf der Bühne Geldschein um Geldschein ein.

Durch die Kellner transportiert, in die Hände mal der ersten mal der zweiten Schwester. Hoch erhobene Männerarme mit Geldscheinen wedelten über den Tischen, dazu liefen die Kellner als Botenträger eiligst hin und her. Die Damen sackten ein, ungerührt und ohne die Spender auch nur eines Blickes zu würdigen, warfen sie Geldschein für Geldschein in einen Behälter zwischen sich. Das Mikrofon wanderte einmal zu dieser, einmal zu jener der angebeteten Sängerinnen. Der Vater winkte dafür gönnerhaft ins Publikum, hob die Hand um einmal diesem Zahler einmal jenem zu gratulieren. Vor mir saß ein solch Verliebter, mit glasigen Augen und selig vom Schnaps betört. Ohne Unterlass blickte er, seinen Kopf im Raum hin- und her drehend, herum, ob nicht etwa von draußen Konkurrenz im Anmarsch war. Geldschein um Geldschein wurde an die Übergewichtigere der beiden Schönen losgesandt. Die Mädchen reagierten auf die im Minutentakt einlaufenden Geldscheine ihrem Ruhm entsprechend, hier im drittklassigen De Luxe Restaurant.Sie zeigten keinerlei Reaktion. Weder ein Nicken, oder nur ein freundliches Gesicht. Regungslos warfen sie die Rupienscheine weiter in den Eimer zwischen sich. Dafür aber plärrten sie aus vollem Hals, unerschütterlich, indische Schlager um Schlager, die Texte von Zetteln abgelesen ins Mikrofon.

 

Nizzamuddin

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Mit einer Mopedrikscha ging es nach Nizzamuddin, hinaus in das Nizza Delhis. Ein Vorort, aber gleichsam noch in der Stadt. Weg vom überbordenden Trubel der Märkte und dem Gedränge vollgestopfter Straßen. Hier ließen jene sich nieder die es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatten, nicht die Reichen, aber auch nicht die völlig Armen.

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Wobei man vorerst, ließ man sich wie ich am Bahnhof entladen, über eine Brücke, vollgeräumt mit Obst und Gemüseständen umliegender Bauern  die kleine Altstadt erreichte. Wieder die ewig gackernden Hühner in ihren winzigen Käfigen und übereinander gestapelt. Unter der Brücke ein breites, steiniges, ausgetrocknetes Flussbett, mit Müll erstickt wie alles. Weiter hinten eine andere Brücke, über die gerade ein endloser Zug langsam hin- und her rangierte. Rechts und links des trockenen Ufers die üblichen Elendshütten aus Fetzen und Planen gezimmert. Sonst im vegetarischen Indien eher eine Seltenheit, wurde hier Fleisch, vermutlich von Schweinen und Hühnern, das ließ sich kaum mehr erkennen, direkt vor den Ständen auf rohen Holzböcken in kleine Teile zerhackt. Umschwärmt von Tausenden schwarzer, glänzender Fliegen. Die solchermaßen zerfetzten Teile wurden auf rostigen Haken in den Bretterhütten der Fleischverkäufer ohne Umstände in die pralle Sonne gehängt. Schwarz vor Fliegen, wie gesagt, erkannte man das Fleisch darunter kaum Urin.

Der Vorort Nizzamuddin selbst war wie ein großes Dorf. Auch hier die obligaten Basarstraßen, jedoch alles etwas breiter, geräumiger, freundlicher als im Moloch von Old-Delhi. Hier fasste ich Mut auf ein erstes indisches Essen am indischen Straßenrand. Currynudeln, geröstet und mit fein gehacktem, mir unbekanntem Gemüse. Für 30 Rupien auch sehr akzeptabel.

Was ich bereits in Delhi selbst vermisste, war hier auch Mangelware. Ein menschenwürdiger, ruhiger Platz zum Sitzen, Essen und Trinken. Hier war zwar das Essen akzeptabel, die Hygiene erträglich, dafür gab es für die ganze Kundschaft des großen Standes nicht mehr als einen einzigen Plastiksessel, hinter dem Koch, neben einem herunter geklappten Bett. Also Essen im Stehen, während die Inder, ihre Blechnäpfe in den Händen haltend, sich einfach vor dem Stand auf die staubige Straße hockten.

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Mit den angenehmen Eindrücken dieses alten, indischen Vorortes, wo einem nicht unablässig tausende Menschen in Zentimeterdistanz auf den Leib rückten, jedoch erschöpft von der Hitze und dem stundenlangen Gehen und Stehen, beschloss ich mit der Mopedrikscha den nahen Lodi-Garden.

Früher war dieser als Wellington Park bekannt. Eine tatsächlich ruhige, phantastisch schöne Oase inmitten von New Delhis brodelndem Getriebe. Zwischen Palmen, blühenden Sträuchern und von Blumen umrahmten Wegen, die mächtigen steinernen Grabstätten von Herrschern der Lodi-Dynastie, den Vorgängern jener großen indischen Moguln. Mittelpunkt der weitläufigen Anlage war das große Bara-Gumbad-Mausoleum mit seiner angegliederten Moschee, erbaut im  15. Jahrhundert. Alles offen, ausgeräumt und zugänglich, jedoch nur in den Außenmauern noch erhalten. Vogelschwärme, sogar grüne Wellensittiche waren darunter und schafften es, hier ein Bild von jenem Indien zu vermitteln, welches ich idyllischerweise seit jeher im Hinterkopf mit mir getragen hatte.

Die Indian-Railways waren Großarbeitgeber. 1,6 Millionen (!) Eisenbahner, oft auch deren ganze Familien, ernährte das Unternehmen. Die meisten schienen jedoch im Geheimen zu werken, zu sehen war auf Indiens Bahnhöfen kaum einer von ihnen.

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Ein normaler indischer Reisezug besteht aus einer großen Lokomotive und fünfzig Waggons. Was hier nun einer Länge von etwa einem Kilometer entsprach. (Zum Vergleich, in Westeuropa besehen Reisezüge aus 4 – 10 Waggons). Verlottert und klapprig boten die einheitlichen, blauweißen Waggons mit ihren vergitterten Fenstern ein Bild, als seien sie aus der Zeit vor der Unabhängigkeitserklärung herübergerettet worden. In Wahrheit waren sie kaum älter als zwanzig oder dreißig Jahre. Doch wie üblich in diesem Land, bei nochsoviel Mitarbeitern, war das Personal vor allem für Arbeitserleichterungen aufgeschlossen. Die Züge wurden so wenig als möglich gewartet und kaum jemals gewaschen. Ausgebessert wurde gerade das Nötigste, gerade so viel um nicht beim erstbesten Bogen aus den Gleisen zu stürzen. Im Übrigen waren die Waggons von Beginn an so konstruiert, dass ein Waschen der Fensterscheiben wegen der Gitter außen und der primitiven Jalousien innen, überhaupt nie möglich gewesen wäre. Vermutlich wäre einer als Phantast angesehen worden, der diesen Aspekt bei der Herstellung ins Spiel gebracht hätte. Auf den Bahnsteigen drängten sich bereits hunderte Menschen, welche sich mit schwerstem Gepäck durch die schmalen Einstiege in die Waggons zwängten. Neben den Türen der Waggons flatterten, leicht angeklebt jene berüchtigten, fadenscheinigen Computerausdrucke mit den Namen jener Reisenden, auf welche eine Reservierung ausgestellt war. Jedenfalls jene, welche der Wind noch nicht davon geweht hatte. Dafür ließ sich kein Eisenbahner weit und breit sehen. Schließlich waren sie auch nicht dazu angestellt um etwa Reisenden behilflich zu sein oder gar Auskünfte zu erteilen! Niemand entlang des ganzen Bahnsteiges den man hier etwas fragen konnte. Niemand der hier für etwas zuständig war. Die Ziffern, Zeichen und Zahlen auf den komplizierten Fahrscheinen hatte jeder selbst zu deuten, wollte einer schon die Dienste der Indian Railways in Anspruch nehmen. Gerechterweise musste man sagen, dass auch die Fahrpreise der Qualität angepasst waren.

Indien machte es Touristen nicht gerade leicht, so erfuhr ich nur durch Zufall von einem hilfsbereiten, eleganten Nachbarn auf der Sitzbank neben mir, dass der Zug vor welchem ich nun stand, nicht der richtige war.  Jener, für den ich mein Ticket hatte, aber erst mit einer Stunde Verspätung auf dieser Plattform einfahren würde.  Also las ich weiter auf der Sitzbank in meinem IndienDu-Mont. Die Zeit bis zum Eintreffen des Zuges wollte ich nun dazu nutzen und döste langsam in der schwülen Hitze ein.

Plötzlich schrilles Geschrei. Vor meinen halboffenen Augen baumelten zwei fleischfarbige Stummel wild umher. Eine Bettlerin, Leprakrank, die restlichen Arme waren bereits abgefallen, blickte mich aus finsteren Augenhöhlen an. Unfreundlich und wütend etwas zischend, was ich nicht verstand. Natürlich forderte auch sie  unverhohlen Geld: „Rupie, Rupie!“ schrie sie. Den Tribut für ihr elendes Leben.

Schockiert aber auch angewidert über ihre Dreistigkeit, mir ihre verstümmelten Arme ins Gesicht schleudern zu wollen, wich ich zurück. War ihr Hass auf die Welt, die Menschen nur zu verständlich, war ich doch nicht verantwortlich für ihr Schicksal. Kurz danach rollte ein Mensch heran, auf einem hölzernen Gestell, mit Schuhen an den Händen schob er sich weiter, die Beine fehlten. Standen nicht die Züge vor meinen Augen, ich konnte meinen auf einer unfreiwilliger Zeitreise gelandet zu sein, plötzlich, mitten im alten Rom erwacht, im Zirkus Maximus, hinter der nächsten Säule die Gladiatoren.

Kalka, Shimla

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Morgens um 4:30 Uhr erreichten wir von Delhi aus Kalka. Erfrischend kühle Temperaturen am nächtlichen Bahnhof. Sogar mir, dem das Kühle sonst wenig behagte, kamen nun, nach der Hitze Delhis, solche Gedanken in den Sinn.  Umstieg im nächtlichen Bahnhof auf die schmale Kalka-Shimla-Bahn. Pläne für eine Bahnverbindung zwischen Kalka und Shimla reichten sogar bis 1847 zurück, als Engländer den Ort hoch oben in den Bergen erstmals zur Sommerresidenz erwählten. Das mörderische Klima Kalkuttas hatte die Briten längst bewogen, zumindest über die heiße Sommerzeit eine Zuflucht außerhalb zu finden. Aber erst 1904, als die lediglich 96 km lange schmalspurige Linie, die seinerzeit aufwändigste Bahnkonstruktion Indiens, eröffnet werden konnte, war es soweit. So hatten die damaligen Passagiere dann auch den höchsten Fahrpreis im ganzen Land zu zahlen. Ganz im Gegensatz zu heute, wo man mit dem Public-Train für lächerliche 30 Rupien reiste. Über zahllose Serpentinen windet sich die Schmalspurbahn von Kalka auf 2200 m hinauf nach Shimla, einer der berühmtesten, der ehemals britischen Hill-Stations. Dabei überquert die Bahn unglaubliche 869, überwiegend gemauerte, Brücken und durchfährt ganze 107  Tunnels. Mehrfach pro Woche gab es einen Sonderzug mit gepolsterten Sitzen.

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Wobei – wie sich bald herausstellte – dass das Glück weniger in der Polsterung der Sitze bestand, als in der einen Stunde Zeit, die wir uns dadurch ersparten an den unzähligen menschenleeren Haltestellen durchzufahren. Die anderen, jene Inder, welche diese Karte nicht besaßen, fuhren, im normalen Zug, mit grünen Plastikbezügen, ganze sechseinhalb Stunden. Für 96 Kilometer!

Unser Gefährt war ein schmaler Puppenzug wie aus Kaisers Zeiten. Fadenscheiniges Relikt aus glorreichen Epochen. Wir drei waren die einzigen Ausländer im ganzen Zug. Jeder einzelne Sitzplatz war auf den Namen reserviert, samt der Altersangabe des Benutzers. Ein Kontrolleur in eleganter Uniform verlangte unsere Fahrkarten. Die Überraschung ging noch weiter; jeder einzelne dieser Miniaturwaggons hatte seinen eigenen Zugbegleiter.

Bis vielleicht in zwanzig oder fünfzig Jahren auch hier der Grad der Motorisierung westliche Ausmaße erreicht haben würde? Gewiss, wer diese Bahn benutzte, fuhr nur mangels persönlicher Alternativen. Kaum etwa deshalb, weil ihnen als  Kulturfreunde etwas daran lag. Sofort war ich froh über meinen Entschluss, den Moloch Delhi zu verlassen und diese Fahrt ins Gebirge, hinauf in Richtung Himalaya unternommen zu haben. Zwei Tage länger im Lärm und der Abgashölle Delhi`s hätten mein Nervenkostüm nur übergebührlich strapaziert. Nun beeindruckte uns, Bergluft schnuppernd, ein Naturschauspiel aus Terrassen und Schluchten unter den Fenstern der kleinen Eisenbahn. Die Temperaturen waren merklich abgekühlt. Kirschpflaumenblüte ringsum. Grüne Terrassenfelder klebten an den Hängen, was mich an den Südwesten Chinas erinnerte. Gemächliches tuckern mit 20 km/h, links die Berge, rechts die Schlucht.

Shimla

Shimla (78.000 Einw.), eine Touristenstadt auf 2200 Metern mit charmanten Gebäuden. Einst britisches Verwaltungszentrum Indiens, während der heißen Sommermonate, ab 1864 sogar Sitz der kolonialen Regierung. „Erholungsort der Reichen, Faulen und Invaliden“, beschrieb der Reisende Viktor Jacquement 1831 den Ort. Entstanden war diese Stadt zu Beginn des 19. Jahrhunderts, während der sogenannten Gurkha Kriege. Jene Krieger verbündet mit den Sikhs terrorisierten die Bewohner der umliegenden Dörfer, woraufhin jene die Engländer zu Hilfe riefen. Die Europäer fanden Gefallen an dem kühlen Klima der Bergwelt und erwarben von lokalen Fürsten Land, um einen Kurort zu errichten.

Allein die Planung und der Bau der Eisenbahn, mit primitivsten Mitteln sowie die Überwachung der ordnungsgemäßen Ausführung, die Schwierigkeiten der Verständigung, die Herstellung und Beschaffung der nötigen Baustoffe, jener Steinquader für die gigantischen Viadukte, das Durchbohren der Berge mit bloßen Händen und Hacken zur Schaffung der zahlreichen Tunnels mussten aus heutiger Sicht trotz allem als gigantische Leistungen angesehen werden. Dazu kamen unvorhersehbare Krankheiten, die gesamte Planung und Organisation sowie das Zusammenhalten tausender von Arbeitern und deren Unterbringung und Ernährung. Allein das Verdeutlichen ihrer Tätigkeiten für die nächsten Tage, wie überhaupt den Sinn und Zweck des Ganzen begreifbar zu machen, konnte wohl nur unter größten Mühen stattfinden. Waren die Arbeiter, vor allem in diesen Regionen, in dieser Zeit noch abgeschiedenere und rückständigere Bergbewohner, als die Menschen in den großen Städten des Südens.

Zu alldem die ständige Aufrechterhaltung des Friedens, mit wenigen tausend Briten, gegenüber einer vielfachen Menschenmasse von Indern . All dies in unwirtlichster Umgebung, ohne Wege, ohne irgendetwas. Bevor dies alles eben nicht erst unter den Briten geplant und anschließend errichtet wurde. Hinzu kam noch die zu dieser Zeit, tatsächliche, ständige Eingeschränktheit des Bewegungs-spielraumes aller Ausländer. Letztendlich blieb man aus verschiedenen Gründen stets unter sich, also zumindest in halbwegs gesichertem Terrain. Jene riesigen, unerforschten Gebiete, außerhalb von Militärposten glichen nicht selten gefährlichen Minenfeldern. Es herrschte schließlich im Land eine Art von Apartheid, die nur unter ständiger Androhung von Gewalt Aufrecht erhalten werden konnte. Heute kaum vorstellbar, durften die Inder noch bis in das 20. Jahrhundert hinein nicht einmal die Mall, die Hauptstraße Shimlas betreten. Andererseits als Brite oder Britin war es oft kaum möglich sich außerhalb der gesicherten Stadt zu bewegen, ohne in Konflikte zu geraten oder solche herauf zu beschwören. Die Inder von damals, vermutlich eher Eingeborenen oder Ureinwohnern gleich, waren schließlich auch nicht jene Inder von heute.

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Rast im „Indian Coffehouse“. Wo man noch geschichtsträchtige Luft, abgesondert von altem Mobiliar zu schnuppern glaubte. De facto fühlte man sich hier jedoch eher an Ägypten erinnert, vielleicht an Istanbul oder den Iran. Was man nach Aussehen, Hautfarbe und Verkleidung sowohl des Personals, als auch der Gäste auch durchaus vermuten konnte. Wobei auffiel, dass auch, wie nach arabischer Tradition, sich nur Männer im Lokal aufhielten, aßen, tranken oder in ihren antiquierten Verkleidungen servierten. Auch andere Tätigkeiten, wie Haare schneiden oder sogar Putzen wurden in Indien fast ausschließlich von Männern erledigt. Den alten Strukturen folgend, waren Frauen oft anderswo, außerhalb der Öffentlichkeit tätig.

Was mich schließlich später doch überraschte, war, dass ich hier in Shimla sogar Frauen als Polizistinnen verkleidet gesehen hatte. Gewisse, obligate, sinnlos erscheinende Straßensperren überwachend. Später spazierte ich vorbei an einem Kasernengelände, hoch hinauf eingezäunt von Eisengittern, dahinter Uniformierte, mit umgehängten antiquierten Gewehren, lauernde Soldaten, welche grimmig durch die Zäune lugten und sich selbst bewachten. Polizei und Militär sorgten, wie gesagt, in diesem als auch den angrenzenden Ländern überproportional für Beschäftigung.

Ab 21:00 Uhr war in Shimla das Treiben zu Ende. Die Rollläden wurden heruntergelassen, Lokale und Gasträume mit den üblichen Schmutzfetzen aufgewischt, wobei sich überall Gestank bis auf die Straßen verbreitete. Die Fett- und Speisereste lediglich gleichmäßig verschmiert wurden. Was mir beim bloßen Zusehen den Appetit für das nächste Essen schon erheblich dämpfte.

Shimla – Kalka – Ambāla

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Der Fahrkartenschalter war leer, wieder einmal ließ sich keiner von den 1,6

Millionen Eisenbahnern Indiens blicken. Nach meinem Klopfen an der Scheibe erschien ein mürrischer, zerzauster Mensch aus einem Hinterzimmer mit wankendem Schritt. Wenig begeistert, mich vor seinem Schalter zu sehen.

„Ein Ticket nach Dehrādūn.rief ich gegen die trübe Scheibe.

„Kein Ticket  – Dehrādūn! Ticket – Kalka!!“ kam durch das Glas die mürrische Antwort.

Obwohl man sich von staatlicher Seite durch allerlei dürftige Maßnahmen und alibihafte Schikanen, die größten Mühen gab, den Alkoholkonsum nicht nur bei den Eisenbahnen, sondern auch in der übrigen Bevölkerung hintanzuhalten, waren die Ergebnisse in der Realität von wenig Erfolg gekrönt. Das beste Beispiel stand mir gegenüber und starrte mich mit glasigen Augen böse durch die Scheibe an.  Die kaum vorstellbar niedrigen Preise für Fahrten mit der Eisenbahn überraschten einen dennoch immer wieder. Zwanzig Rupien für fünfeinhalb Stunden Rückfahrt im „Normalzug“ waren jedenfalls weit weniger als ein bloßer Sozialtarif. War man doch am Vorabend nicht davor zurückgeschreckt, mir für eine einzige Flasche Bier immerhin 180 Rupien abzunehmen. Ich reichte einen 100 Rupien Schein (etwa € 1,50) durch den gläsernen Spalt.

„Kein Geldwechsel!“ warf der, in seiner täglichen Ruhe gestörte, mir überheblich zu. Drehte sich um und verschwand ohne weiteres Interesse wieder in sein Nebenzimmer. Schließlich kaufte ich am Stand daneben noch rasch einen Becher mit heißem Tee, um an Kleingeld zu kommen und klopfte hartnäckig erneut an die Scheibe. Derselbe Mensch, wütend wie zuvor, die Anmaßung meiner ersten Störung noch nicht verdaut, klatschte mir schließlich wortlos das Ticket vor die Scheibe, drehte am Hebel, zog meine 20 Rupien am anderen Ende heraus, schmiss sie verächtlich in eine Lade und konnte – endlich in Ruhe – seinen sonst üblichen Beschäftigungen Folge leisten. Weitere Kunden waren in den nächsten Stunden nicht zu befürchten. Hier waren Eisenbahner eben noch ORIGINAL, und unkündbar.

Ein Wort wie Kundenservice kam in diesem Land beinahe einer Kriegserklärung gleich. Die Inder hatten das Verhalten der damaligen britischen Eisenbahnoffiziere zu Zeiten als Besatzungsmacht Eins zu Eins übernommen und ähnlich wie den Bauwerken aus jener Zeit nur wenige Veränderungen, in jenen achtzig Jahren dazwischen, angedeihen lassen.

Indien war eben Indien. Ein Narr, wer glaubte hier mit westlichen Maßstäben ans Werk gehen zu müssen. War ich nicht deshalb nach Indien gereist – weniger Regeln, weniger Ordnung, weniger gesellschaftliche Verpflichtungen? Nun, diese Wünsche hatten sich immerhin erfüllt.

Endlich, nach 6 Stunden, Einfahrt in Kalka. Durch Vororte, Slums, über lädierte Brücken, unter denen einstmals Flüsse flossen, die nun nichts mehr anderes waren, als eine ekelhafte bräunlich schäumende Brühe, welche vor mitgeschwemmten Müll kaum noch zu sehen war.

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Ich wollte mich über eine Weiterfahrt nach Dehrādūn am Ticketschalter erkundigen, wo ich jedoch nur unverständliche Antworten erhielt. Also wieder auf die Suche. Schließlich fand sich am Bahnsteig das bemerkenswerte Schild  „Chief-Ticket-Controller-Office“. Innen ein altertümlicher Schreibtisch, je eine Frau links und rechts davon. Offenbar hatte man auf mich gewartet oder schien sonstige Arbeit selten zu sein.

Dehrādūn?“ fragte mich eine der beiden ganz erstaunt. Wie man dahin kommen konnte? Als hätte ich ein Ticket nach Rom verlangt! Beide sahen sich eine Zeit lang an. Ratlosigkeit. Schließlich griff eine der beiden zu dem vor Schmutz strotzenden Telefon. Tippte mehrmals nervös auf die Gabel, bedeutete mir, leider war niemand zu erreichen, der Antwort auf diese Frage wissen konnte. „Keine Zugverbindung nach Dehrādūn!“  Und nun bitte, möge ich mich zurückziehen, mich doch zum Ticketschalter begeben. Das alles war für die Damen an Aufregung für einen Tag genug. Hastig verriegelten sie hinter mir die Tür. Ein neuerliches Vorsprechen am Ticketschalter wollte ich unter allen Umständen vermeiden.

Ich zog also die Bahnhofsstraße Kalka`s entlang. Ich hatte noch Luke‘s Worte bei der Hinfahrt im Ohr, als wir davon sprachen irrtümlich hier zu landen. (Vielleicht ist hier einfach nichts…) Kalka war nichts als ein elendes Drecksnest. Hunde, Kühe und rauchende, ausgemergelte Lastwagen waren alles, was einem auf Kalka`s Hauptstraße entgegenkam.

Das war tatsächlich alles. Nicht einmal asphaltierte Straßen hatten sie hier. Ich stapfte stattdessen im Schlamm und zwischen Müll entlang. Elende Buden rechts und links, wie man sie sonst bestenfalls aus afrikanischen Filmen kannte. Das Erstaunliche, immerhin vier oder fünf heruntergekommene Hotels bis zum Ende der Straße,  mit Fensterscheiben, so schmutzig, dass einem wenigstens der Blick ins Innere erspart blieb. Welche traurigen Helden würden sich wohl freiwillig hierher verirren, um zu übernachten? Am erstbesten Stand blieb ich stehen, hungrig, erschöpft vom schweren Gepäck, sah dem Menschen zu, wie er etwas brutzelte. In verrosteten Pfannen und elendem Geschirr, aber mir war das nun egal, ich wollte essen. Da ich keine Ahnung hatte, wie er das Essen in seiner Pfanne bezeichnete, deutete ich mit dem Finger darauf, machte ein Zeichen, führte drei Finger zum Mund. Hunger, Essen! Das hätte ich nicht machen sollen. Sofort verzog der Mann das Gesicht, knallte einen Deckel auf die Pfanne, bedeutete mir schleunigst zu verschwinden. Verblüfft zog ich ab, nach Streit war mir nicht zumute, nicht jetzt, erst wollte ich Essen.

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Bis Chandigarh! Langsam, wie immer, rollte der Zug in den Bahnhof, um nicht jene, im letzten Moment über die Schienen Rennenden und auf die Bahnsteigkanten Kletternden, zu überfahren. Ein Blick aus dem Fenster ließ mich Übles ahnen. Rechts und (!) links des Zuges nichts zu sehen als ein Meer schwarzer Haare. Wogende Massen setzten sich in Bewegung, bis sie das Tempo des rollenden Zuges erreichten. Die Griffstangen wurden erfasst und die ganze Horde versuchte noch während der Einfahrt gleichzeitig ins Innere zu drängen. Heuschreckengleich stürzten sie herein, rannten, schrien und schossen wie vom Feuer Gesengte auf jeden freien Platz zu. Binnen Sekunden überfluteten sie den ganzen Zug, drängten sich auf jeden Sitz, in jede Nische, selbst auf die Gepäckablagen kletterten sie hinauf und breiteten sich dort oben aus. Nun verstand ich auch, warum kein Schaffner zu Gesicht zu bekommen war. Was konnte dieser ärmliche Wicht hier schon ausrichten? Man musste Indien eben kennen, um zu verstehen. Vorurteile waren hier fehl am Platz. Die Inder, fast alles Männer, nun sogar übereinander sitzend wie die Kinder, nahmen dies gelassen. Sie scherzten, waren froh überhaupt in den Zug gekommen zu sein, erzählten sich Geschichten, klopften sich vor Lachen auf die Schenkel, öffneten Dosen und Packungen, verteilten Essen und hatten das größte Vergnügen. Ich dachte an unsere heimischen Züge, kurz, sauber und die oft wenigen, wie vergessen wirkenden, Menschen darin. Viele blickten zu Boden, lasen still in ihren Broschüren oder hantierten an ihren Mobilgeräten, kaum jemand wechselte ein Wort, jeder war für sich allein. Was nun, fragte ich mich, war tatsächlich die bessere Alternative?

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Ankunft in Ambāla und zum Ticketschalter, wo das übliche Spiel wieder seinen Lauf nahm. Man sandte mich zum „Reservation Office“. Leider befand sich dieses nicht am Bahnhof, sondern sinnigerweise zwei Kilometer außerhalb. Die Rikschafahrer vor dem Bahnhof grinsten mir bereits entgegen. Kaum hatten sie mich, wie üblich, als einzigen Weißen erblickt, stand ich schon im Mittelpunkt ihres Interesses am ganzen Bahnhofvorplatz. Auch im „Reservation Office“ gab es viele Schalter. Man schickte auch hier gern von einem zum anderen, doch überall hatte man dasselbe Formular. Der Erwerb eines Tickets für die Eisenbahn, war in ganz Indien ähnlich kompliziert und mit ähnlichen Fragen verbunden, wie eine Einreise in das Land überhaupt:  Datum der Geburt, Ort der Geburt, Anschrift im Heimatland, Anschrift in Indien, Telefonnummer hier und dort, Reisepass Nummer, Ausstellungsort des Reisepasses, das eigene Alter, usw., usf.  Widerwärtigster Bürokratismus allerorts. Der erste Zug nach Dehrādūn hatte Abfahrt um 3:30 Uhr morgens. Der Mensch hinter dem vergitterten Schalter murmelte mir die Zugnummer zu, schob mir das Formular und seinen Kugelschreiber durch den Schlitz heraus. Genau diese Nummer musste ich eigenhändig, im fünften Feld rechts oben auf dem Zettel einfügen. Ich schob den Zettel mitsamt der Nummer zurück.

Das erste Hotel, welches mir auf der staubigen Hauptstraße, nicht weit vom Bahnhof unter die Augen kam war: „Hotel Paradise“. (Diesmal nicht Dx.) Da die Sonne hier wieder in voller Stärke sengte und ich samt meinen elenden Rucksäcken erschöpft war, beschloss ich von weiteren Wanderungen Abstand zu nehmen, zumal, wer wusste schon ob Besseres nachkam. 1600 Rupien getraute man sich, für das mehr als mäßig paradiesische Zimmer zu verlangen. Doch immerhin – Das erste fließend warme Wasser seit meiner Ankunft in diesem Land!

Nachdem ich Indiens bürokratische Paranoia schon hinreichend kennen gelernt hatte, überraschte es mich auch wenig, dass ich im hiesigen Internetcafé, meinen Reisepass für die Zeit der Internetnutzung zu hinterlegen hatte. Nachdem kopieren der einzelnen Seiten. Sowie meine Telefonnummern und Anschriften in eines jener üblichen, riesigen Bücher eigenhändig einzutragen hatte, um dann, am Ende aller Formalitäten, schließlich die Erlaubnis zu bekommen, einen der Computer tatsächlich einzuschalten.

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Inder schienen Formulare aller Art zu lieben. Und dicke, schwere Aktenwälzer, in denen allerlei skurrile Angaben, wie etwa das derzeitige Lebensalter, die Vornamen der Eltern und etliche andere sinnlose und unbrauchbare Angaben für immer festgehalten wurden. Die entscheidende Frage war aber: für wen? Würden sich jeweils Heerscharen von Beamten auf den Weg machen, um jene tausende dieser täglich vollgeschriebenen Wälzer, in Hotels, auf Bahnhöfen, in Internetcafés oder sonstigen allgemein benutzten Plätzen, durchzufiltern? Um mit den abgeschriebenen Daten dann WAS zu machen? Sie vielleicht in andere, mitgebrachte, staatliche Wälzer zu übertragen…?

Im sowjetischen Kommunismus der Fünfzigerjahre konnte es kaum bürokratischer zugegangen sein.

Die vorhandenen Straßenlampen hatten, wie so vieles in diesem Land, zu irgendeinem Zeitpunkt vielleicht einmal funktioniert, doch nun, seit langer Zeit, vom Staub des Alltags bedeckt, ihren Betrieb längst eingestellt. Die kastenförmigen Betonbauten der neuzeitlichen Verwertungsgesellschaft, schmutzig grau an schmutzig grau, glichen einander wie ein Ei dem anderen. Hier in Indien gelang es nicht nur, mein Geschmacksempfinden täglich neu zu prüfen, sondern man war hier sogar in der Lage meinen Orientierungssinn abzuschalten.

Die schönsten Erlebnisse bringt oft der Zufall. Nicht mehr weiter wissend, nach langem herumirren durch finstere, leere und finstere Gassen und schließlich Vorstadtstraßen, betrat ich ein Lokal in einem Gebäude, in welchem als einzigem weit und breit noch Licht brannte. Eines jener indischen Fastfood-Restaurants à la McDonald’s. Ein Mensch, ein Angestellter unter vielen, strahlte dieses besondere Etwas aus, welches ich aus verschiedensten Situationen so gut kannte. Ein Inder, er mochte etwa 30 oder darüber sein, im weißen Mantel und mit dunkler Haut. Etwas war, das mich sofort und unbeirrt gerade auf ihn zusteuern ließ.

„Ich habe den Weg verloren. Zum Bahnhof – welche Richtung bitte?“, erklärte ich unbeholfen, nicht wissend, ob der Mann überhaupt Englisch sprach. Dass ich den Weg verloren und mich verirrt hatte, versuchte ich ihm auch mit Händen umständlich klar zu machen. Diese und jene Richtung, deutete der Mann und sah sich hilflos um, ob ihn jemand der Kollegen bei der mühevollen Übersetzung unterstützte. Diese waren jedoch in ihre eigenen Geschäfte verstrickt. Er nahm also schließlich ein Stück Papier zur Hand, zeichnete allerlei Striche und Linien darauf und schrieb 3–4 km dazu. Am besten jedoch, meinte er besorgt, war es ein Taxi zu nehmen, man konnte ja nie wissen. Die Dunkelheit, die Gefahren des nächtlichen Wanderns, alles war zweifellos nicht ohne Risiko. Das leuchtete ein, hatte ich doch großen Respekt vor jenen, auf den nächtlichen Landstraßen Indiens auf Tuchfühlung vorbeirasenden, hupenden und polterten LKWs und dem was sonst noch alles auf den pechschwarzen Straßen auf einen zuschoss. Mit Beleuchtung oder ohne. Das Berührende nun an dieser ganzen Szenerie, dass ich, nachdem ich den Laden endlich verlassen hatte, den Zettel mit den Strichen in der Hand, auf der finsteren Straße bereits ein stückweit gegangen war, hinter mir jemand laufen hörte. Der Mensch aus dem Lokal in seinem weißen Kittel lief mir Hände wedelnd hinterher.

„Bitte, Sir! Nehmen Sei eine Rikscha oder ein Tucktuck. Und geben Sie acht, dass es in diese Richtung fährt – und zahlen Sie nicht mehr als 10 Rupien…!“ sagte er mit allem Nachdruck in der Stimme, und geben Sie acht, einige der Fahrer sind keine guten Menschen, bitte Vorsicht!“, erklärte er mir, so gut er in seinem Englisch eben konnte.

So überraschend hob sich hier wieder einer ab, aus der Menge der Teilnahmslosen, der Überlebenskämpfer, der Einschätzer und Verwerter.

So unglaublich in diesem Land, dass mir diese Geschichte noch einmal im Traum erschien. Um halb drei  morgens, zwei Stunden nachdem der Rikschafahrer mich schließlich vor dem Hotel abgesetzt hatte. Es war nun genau zur Magenzeit, nach traditioneller chinesischer Medizin. Ich war aufgewacht, nahm eine Tablette gegen das Brennen in der Speiseröhre und dies als Anlass, diese ganze Begebenheit nun doch auch für dieses Buch nieder zu schreiben. Keine andere Möglichkeit sah ich mehr, mich für die Herzlichkeit noch zu bedanken, so waren diese Zeilen nun mein Dank. Mochten sie bis zu ihm vordringen. Wie gut doch solche Menschen taten, vor allem hier, in diesem Land.

Müde, mit schweren Gedanken und meinem „Ohne-Nahmen-See“-Buch, begab ich mich wieder zu Bett. Gerhard Amanshauser jener Salzburger Schriftsteller und seine China Reise des Jahres 1984 sollte mich noch, lyrisch, in den einsamen Schlaf begleiten.

 

Ambāla – Haridwar

 

 

Morgens, vor der Abfahrt hatte ich noch einige indische Kuchen probiert. Man lebte in diesem Land entweder sehr scharf oder sehr süß. In beinahe jeder Straße gab es Konditoreien – oder das, was man bei viel gutem Willen so bezeichnen konnte.

Um eine davon zu erreichen sprang ich zum Beispiel, lediglich über eine oder zwei riesige, trübe Pfützen entlang der Fahrbahn, hin auf einen Fleck, der einst ein Gehweg sein sollte. In Indien schied das Begehen desselben jedoch aus, weil vollgerammelt, mit Ständern, Tafeln, Tischen und Gerümpel, Motorrädern oder Autos. Von diesem kleinen Fleck, auf den man ich gesprungen war, brauchte ich nun nur kleine Berge von Kuhmist, Hundekot, Schlamm oder Abfall zu übersteigen, einen Ziegelhaufen oder herumliegende Betonbrocken zu umrunden, zwei, drei bröckelige Stufen zu ersteigen, und stand schon vor allerlei Leckereien. Dort konnte ich mich schließlich, zwischen verstaubten Regalen mit den Utensilien des täglichen Lebens, hinter den trüben Scheiben einer Vitrine für mehr oder weniger verlockend aussehende Kuchenstücke entscheiden. Allesamt waren jedoch derart zuckersüß, dass ich mich trotz dazu gekauftem Dosenkaffee nach wenigen, kleinen Stücken schwer tat, weiter zu essen.

In einem von Indien`s einheitlich schmutzig blauen Eisenbahnzügen, von außen durch die obligate Vergitterung der Fenster eingesperrt, ähnlich wie man sie früher an Viehwaggons sehen konnte, aber mit Türen welche längst nicht mehr geschlossen werden konnten, ging es in Richtung Osten. Das Klischee vom romantischen Eisenbahnfahren durch subtropische Landschaften, vorbei an orientalischen Dörfern und Städten, war inzwischen einer rauen Wirklichkeit von Elend, Schmutz und menschlichem Fatalismus gewichen. Im Inneren eines jeden Waggons, über den Liegeplätzen befanden sich vierzig riesige, schwarze Ungeheuer von Ventilatoren, welche ihre Dienste, die drückende Hitze dieses Landes etwas zu mildern, allerdings bereits vor langer Zeit für immer eingestellt hatten. Solcherart verstaut, wurde man wie der Inhalt obskurer, rollender Dosen durch die Landschaften gezogen, wach gehalten vom unablässigen Hornsignal des Zuges. Mit seinem ewigem: „Tuuut, tuuuuhhuuuttt….tuhhuuuhhhuuuuut…….!!

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Vor der Ankunft in Haridwar geschah noch etwas Seltsames. Lautes Klatschen und rufen drang vom anderen Ende des Waggons zu mir. Zum ersten Mal begegneten mir zwei jener legendären Hijras. Jene Ausgestoßenen der Gesellschaft, in eigenen Ghettos an den Rand der Gesellschaft gedrängten Transsexuellen Indiens. Frauen mit männlichen Gesichtszügen und lauten Stimmen. Die fahrenden Züge waren eine ihrer Haupteinnahmequellen. Spezielle Tänze auf Hochzeiten waren eine andere. Ansonsten gemieden und aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt, galten sie in gewisser, abergläubischer Weise als Glücksbringer. Wenn sie einem auf die Stirn klopften, wie hier im Zug, dabei laut rufend in die Hände klatschten und irgendwelche Sprüche dazu vorsagten. Die ihnen dafür zugesteckten Geldscheine steckten sie als Zeichen ihres Könnens zwischen ihre Finger, wie Trophäen nach erfolgreicher Jagd.

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Haridwar.

 

Etwas außerhalb der Stadt hatte ich im Netz auf gut Glück meine Unterkunft namens Hotel Urmi gewählt. Wie sich jetzt zeigte, ein kleines, feines Haus. Neu, gepflegt und stilvoll gebaut. Sogar mit Balkon und einer kleinen Grünfläche innerhalb der Mauern. Alles das, weil selten, stolz im Netz erwähnt, hatte mich veranlasst diese Unterkunft zu wählen und siehe da, diesmal stimmten Fotos und Wirklichkeit auch überein!

http://www.theurmi.com/gallery.html

Welch schöne, saubere Oase, umgeben von den üblichen staubigen Straßen. Dem üblichen Schutt und Müll. Die Frage, die sich einem westlich denkenden Menschen hierzulande natürlich sofort aufdrängt war: „Wie lange würde diese Oase noch Oase sein?“ Reparieren, pflegen oder instand zu halten war die Sache der Inder nicht.

Haridwar war eine Geisterstadt! Geister, Dämonen, Götter, Krishnas und Brahmas, allen wurde hier fleißigst zugesprochen. Abends versammelten sich Tausende; Frauen in bunten Saris, Männer in gewöhnlichem Gewand. Andere, strenger Gläubige, mit nichts als ihren orangen Tüchern umhüllt, saßen auf den Stufen einer künstlich betonierten Insel inmitten des Ganges. Bevor die tägliche Zeremonie begann, sprangen diese oder jene noch rasch in den Fluss, tauchten unter, übergossen sich mit dem trüben, heiligen Wasser, jauchzten und jubelten. Hier im mittleren Norden Indiens, war der Fluss immerhin noch nicht völlig verseucht. Die giftigsten Substanzen, die meisten Abwässer aus den Kanälen der Städte kamen erst später noch hinzu. Ebenso wie die Teile jener an der Oberfläche treibenden, verwesenden Leichen Varanassis .

Neueren und glaubwürdigen Berichten zu Folge, waren im Jahr 2014 noch 700 Millionen Inderinnen und Inder (also eta 40% der Bevölkerung!) gänzlich ohne Toilettanlagen. Zwangsläufig wurde daher jede Art von Notdurft an allen möglichen und unmöglichen Stellen verrichtet. Jahrelang waren die primitiven Blechnapfe, in welchen man meist das Essen vorgesetzt bekam, in Benutzung, wurden nach dem Essen kurz in einen Eimer mit trübem Wasser getaucht und mit  üblen Fetzen, dessen Anblick alleine Übelkeit bereitete, abgewischt. Das Wasser in diesen Eimern wurde höchstens ein- oder zweimal am Tag gewechselt. Alles, Reis, Nudeln, Gemüse usw. wurde direkt mit den wenig sauberen Händen eines Kochs direkt auf diese Blechteller gepappt.  Wobei, wie ich einmal beobachtet hatte, dieser Koch kurz zuvor noch an eine Mauer um die Ecke urinierte und dann anstandslos weiter kochte.

 

Wochen später sah ich einen Bericht über Varanassi, auch Benares genannt. Immerhin eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städte der Welt! Ihre Kultur war seit jeher eng verbunden mit dem Wasser des heiligen Ganges. Wer Geld hatte, ließ sich hier, an den Stufen der Ghats verbrennen, seine Asche in den Ganga (Ganges)streuen. Dafür garantierte man den direkten Weg ins Nirwana, ohne mühsame Umwege über ständige Wiedergeburten. Immerhin legten auf diese Weise die letzte Reise dieses Lebens zwischen zweihundert und dreihundert Verstorbene pro Tag zurück.

Während in Ambāla für eine Rikscha-Fahrt noch 10 Rupien genügten, waren es hier in Haridwar bereits 100 für eine ähnliche Entfernung. Wobei natürlich bei potentiellen Geldeseln aus dem Westen zuerst einmal 400 und mehr angesetzt wurden. Fiel einer darauf herein, war er selber schuld. Jeder wusste schließlich, bei allem in Indien wurde aufgeschlagen sobald man als nicht Inder erkannt war. Auch der Staat selbst bediente sich schließlich ungeniert derselben Methoden. Eintritte in Museen, in Galerien, den Zoo und die meisten anderen öffentlichen Einrichtungen (ausgenommen die Eisenbahn) kosteten offiziell für Ausländer das Doppelte bis Dreißigfache(!) dessen, was Inder zu bezahlen hatten.

Kaum war ich aufgestanden, waren schon die ersten Uniformierten um mich herum und redeten auf mich ein. Alles was ich verstanden hatte, war nur: 50, 100, 400 Rupien! Irgendetwas hatte ich in ihren Augen falsch gemacht. Die Schuhe nicht ausgezogen, eine Zigarette geraucht oder mich auf die falschen Stufen gesetzt. Die Wegnehmer hielten mir ein vollgekritzeltes Buch unter die Nase, in welches verschieden hohe Beträge gekritzelt waren. Konnte man sich hier die Strafe am Ende selbst aussuchen? Natürlich schlug ich fünfzig vor. Jammernd meinte der Mensch hundert wären doch angemessen. Ich blieb bei fünfzig. Was schließlich akzeptiert wurde und wofür ich auch eine Quittung erhielt. Erfreut über diesen guten Deal zog ich weiter.

Erst einige Zeit später war mir klar geworden, was ich bezahlt hatte war keine Strafe, sondern eine freiwillige Spende für irgendetwas, wie das Betreten der heiligen Plattform, ein Geschenk an den Staat, an die hinduistische Kirche, an die Gemeinde oder sonst jemanden. Ich war einfach hereingefallen. Aber immerhin nicht als erster, wie die Bücher deutlich zeigten.

Wie die meisten Menschen, war ich natürlich auch bereit, wenn es angebracht war, von meinem bescheidenen Wohlstand etwas abzutreten. Doch immer dann, wenn und wie viel ich für angemessen hielt. Nicht dann, wenn man Spenden einfach harsch verlangte.

Ein sehr alter Mensch, runzelig, mit runder Brille und orangem Sari, Hand in Hand mit einer nicht weniger Alten in ebensolchem Gewande, kam leise auf mich zu. Beide ohne Zähne, freundlich lächelnd. Sie standen einfach da, sagten nichts und lächelten. Ich sah ihnen eine Zeit lang in die Augen, wusste nicht recht was tun. „Bitte, Herr, helfen Sie mir. Ich bin alt und das ist meine Frau“ meinte der Alte mit leiser Stimme. Wie zustimmend nickte auch seine Frau. Ich gab ihnen etwas Geld in die Hand. Schweigend, sich freundlich verneigend, zogen sie weiter, ruhig, Hand in Hand. Ich sollte ihnen noch oft begegnen. Tag für Tag sammelten sie hier zum Überleben. Sie hatten nichts, außer sich selber.

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Was einem oft auffiel in vielen Ländern mit niedrigen Löhnen war, wie zum Ausgleich, auch eine Überbeschäftigung. An jedem noch so mickrigen Stand, an jeder Straßenecke oder irgendeinem Platz, an welchem mit ein paar Rupien zu rechnen war, schmarotzte eine ganze Traube von Nichtstuern mit. Einer verkaufte etwas, zwei, drei saßen daneben, standen herum, rauchten, gaben ihre Kommentare dazu. Meist wusste man nicht, wer eigentlich der Ansprechpartner unter ihnen war. Oft jedoch kam es vor, dass man einen fragte, nach einem Merkmal der angebotenen Ware, und es wussten alle zusammen keine Antwort.

Selbst hier, im netten kleinen und modernen Hotel Urmi, ein ähnliches Bild. Kaum hatte man seine Zimmertür geöffnet, schlürfte der Erste in ausgetragenen Pantoffeln vorbei. Grußlos, teilnahmslos. Im Halbstock tiefer lag ein großer Berg Wäsche in der Ecke, auf dem sie zu zweit den Tag verschliefen, ausruhten, von der Untätigkeit des Tages. Dasselbe Bild an der Rezeption, ein Mensch stand hinter dem Pult, drei saßen daneben. Fragte man einen nach der nächsten Bank oder nach einer Ortschaft drei Kilometer entfernt, wusste keiner auch nur die Richtung. Vor dem Hotel lehnte ein Uniformierter, das Schild Security am Rock, drei saßen daneben. Am nächsten Morgen betrat ich das seltsame Restaurant des Hotels mit dem Charme einer Bahnhofskantine, und war der einzige Gast, der diese Idee hatte. Acht oder gar zehn Gestalten an Personal zählte ich jedoch, die herum schlürften, herum lehnten im leeren Lokal. Einer, der meinen Teller wegtrug, ein Anderer, der das Glas brachte, ein Dritter, der die Zimmernummer notierte, ein Vierter, der mit einem fadenscheinigen Wedel über die leeren Stühle fuhr, ein Fünfter, der das Ei zubereitete, ein Sechster, der das Geschirr stapelte usw. Das kleine Hotel musste wohl an die 50 Leute beschäftigen, pro Gast also etwa vier oder fünf.

Mit der Gondelbahn zum Chandi-Devi-Tempel (चण्डी देवी मंदिर, हरिद्वार )auf der anderen Seite der Stadt, jenseits des Ganges. Angeblich wurde der Tempel 1929 errichtet, die Hälfte der Anlage war jedoch noch roh und unverputzt. Die Ziegel im Laufe der Zeit mehr schwarz als rot geworden. Längst war die Baustelle eingestellt, auch hier. Seltsamerweise sah der ganze Bau kaum älter als 30 Jahre aus, im freudlosen Stil der heutigen Verwertungsgesellschaft. Völlig anders als jene altindischen Bauwerke, welche noch Religion mit Mystik und einer bestimmten Geisteshaltung in Einklang gebracht hatten.

https://en.wikipedia.org/wiki/Chandi_Devi_Temple,_Haridwar

Hier jedoch nichts anderes als trauriger Sammelpunkt für jene, welche schnelle Erlösung oder Vergebung zu finden hofften, von den Härten ihres täglichen Überlebenskampfes. Alles nur ein materieller Abklatsch einstiger Spiritualität, bestenfalls eine Anstalt für finanzielle Abbitte. Oben angekommen, erwarteten einen als Erstes turnende Affen, vorläufig die Echten. Am Tor zu dem Tempel ein Schild: „Beware of the monkeys“! („Hüte Dich vor den Affen“) Wie treffend!

Ab einem gewissen Punkt der Anlage wurde man aufgefordert sich der Schuhe zu entledigen, die restlichen, verschmutzten Betonstiegen barfüßig entlang zu gehen. Bis man schließlich eine große, eher baufällige Halle betrat. Eine Reihe hellrot gestrichener Eisengitter durchzogen den Raum, wie Adern in einem toten Organismus. Durch diese hindurch hatte man in Serpentinen weiter zu gehen, ähnlich wie in einem Laufstall, während über uns, von der durchgebrochenen Decke die losen Fragmente des Blechdaches baumelten.

Wie geblendet und voll der Begeisterung drängten und schoben sich die Menschenschlangen durch jene Stallungen um endlich oben angekommen, dem Höhepunkt ihrer Schröpfung entgegen zu sehen. Die Gitter mündeten in einem schmalen Durchlass vor einem kleinen eingezäunten Platz an dem nun kein anderes Vorbeischummeln mehr möglich war. Dahinter hockten drei männliche Gestalten auf einem leuchtenden Tuch. Hinter jenen drei Königen im Straßengewand war eine Art beleuchteter Schrein zu sehen, mit Plastikblumen und beleuchteten Heiligen aus Gips oder Plastik, was aus meiner Entfernung nicht ganz zu sehen war.

Der Erste der Männer streifte eifrig die hingestreckten Rupienscheine ein, warf sie sogleich ohne die geringste Regung in einen alten Topf daneben. Der nächste nahm aus der zweiten Hand der Büßer, jene zuvor von den ambulanten Händlern erworbenen Blumenarrangements, warf sie ebenso achtlos in einen großen Korb auf der anderen Seite. War der Korb voll wurde er durch die Hintertür hinaus getragen, wobei ich mich fragte ob die ganze Ladung nicht wieder direkt nach unten zu jenen Händlern ging um einen heiligen Kreislauf zu bilden.

Der Abgang führte über einen verlotterten, geheiligten Betondurchlass samt rostigem Eisengeländer, allesamt vom Flair eines heruntergekommenen Luftschutzkellers, noch immer barfüßig, hinab zu jenem Platz oberhalb der Gondelbahn, an dem man ursprünglich angekommen war. Hier immerhin bekam man am Ende seine Schule wieder, gegen eine heilige Spende selbstverständlich. Anstatt mein Rückfahrtticket mit der Gondel zu benutzen, beschloss ich den Fußweg nach unten zu nehmen und meine verwirrenden Eindrücke etwas auf die Reihe zu bringen. War es möglich, dass diese tausende von Indern täglich tatsächlich überzeugt waren von derart durchsichtigem Hokuspokus und glaubten sie ernsthaft daran durch diese Form der Geldablieferung von irgendeinem Übel der Welt befreit zu werden? Konnte eine angemalte Betonfigur, abgeküsst oder nicht, dabei helfen auch nur die kleinste irgendwelcher üblen Taten ungeschehen zu machen? Was, wenn nach einiger Zeit, wie zu erwarten war, das passierte was schließlich passieren musste, nämlich nichts. Würden sie irgendwann zur Ansicht gelangen, alles hier an fadenscheinig Gebotenem war nichts als Scharlatanerie, oder vielleicht nur zur Meinung kommen, womöglich nur zu wenig Geldscheine abgeliefert zu haben? Das ganze  vielleicht nächste Woche zu wiederholen, nur mit mehr Scheinen im Sack? Vermutlich war es wie bei vielen religiösen Massenveranstaltungen in aller Welt. Die Menschen taten was sie bereits als Kinder bei Erwachsenen zu sehen bekamen und was eben alle anderen um Sie herum nun auch taten. Letztendlich war es schließlich auch einfacher die Kraft eines Zementtigers zu beschwören als die Eigene. War ich schließlich selbst von derartigem frei? Waren meine Plastikgötter nicht nur einfach etwas dezenter, komplizierter und stilvoller aufgebaut, aber schließlich mit derselben Holzwolle gefüllt?

 

Nationalpark Rajaji

Der einige Kilometer nach Haridwar beginnende, etwa 820 km² große Nationalpark war bereits 1983 aus drei kleineren Schutzgebieten entstanden. Die abwechslungsreiche Landschaft wurde teilweise von Buschwald überzogen sowie den Flussniederungen des Ganges, welcher in der Regenzeiten mitten durch den Park floss und von ausgedehnten Grasebenen. Berühmt war dieser Park für seine wilden Elefanten und einer kleinen Anzahl von Tigern. Sogar Leoparden und Braunbären sollen hier ihren Lebensraum haben sowie Antilopen und verschiedene indische Reh- und Hirscharten. Der Park stellte auch ein Vogelparadies dar. Erlaubt war der Eintritt jedoch nur in Reisegruppen oder durch Mieten eines Jeeps samt Führer.

Beim ersten Versuch am Vormittag, bei dem mich ein Tuck-Tuck Fahrer zu einem kleineren Eingang nördlich von Haridwar gebracht hatte und lediglich zwei traurige Helden in Uniform vor einem verriegelten Tor in ihre Hütte lungerten, um mir nichts anderes mitzuteilen, als dass der Park geschlossen war, kehrte ich unverrichteter Dinge zurück. Man ließ Besucher nur zu bestimmten Stunden hinein, wobei sie erst umständlich nachgeschlagen hatten wann diese Stunden waren. Sie teilten mir schließlich, nach mehrmaligem Nachfragen mit, dass ich außerdem nur mit einem Fahrzeug hineinkäme, welches ich vorher dort zu mieten hatte. Darüber Auskunft zu geben, was überhaupt das Mieten eines der obligaten Jeeps kosten würde überstieg jedoch ihre Fähigkeiten oder ihr Interesse.

Hier, bei diesem größeren Zugang wimmelte es dafür von fragwürdigen offiziellen oder selbsternannten Parkführern. Welche aufgeteilt in verschiedene Gruppen, herumstanden. Jeder dieser Gruppen schien eine Art Bandenchef vorzustehen. Und kaum hatte man mich, wiederum als einzigen Weißen, als potentiellen Geldspender ausgemacht, steuerte schon der erste von ihnen auf mich zu. Mit schmieriger Freundlichkeit und Taschenrechner bewaffnet addierten sie mir ihre entsprechenden Gebühren vor. 500 Rupien für den Eintritt, 800 Rupien als Ausländerzuschlag, 1200 Rupien für einen Jeep, welcher einen in Folge drei Stunden lang transportieren sollte. Zusammen also 2500 Rupien. In meinem Du-Mont-Reiseführer waren die Kosten mit 350 Rupien angeführt. Doch eine einigermaßen große Differenz. Als ich einen von ihnen schließlich fragte ob es nicht möglich wäre das Fahrzeug mit anderen, potentiellen Touristen zu teilen brachte man mich in eine nahestehende hölzerne Hütte am Rand des Parkplatzes. Dort saßen rund um einen Tisch bereits einige Inder, alle etwa im Alter von 25-30 Jahren.

Ein merkwürdiges Fragespiel begann: „Wie bist Du hierhergekommen? Reist Du alleine, wo wohnst Du, wie alt bist Du? Welchen Wert hat Deine Armbanduhr und ob es eine Rolex war und woher ich diese Uhr hatte?“  Das ganze Bündel an Fragen erschien mir doch für einen lächerlichen Eintritt in einen öffentlichen Nationalpark mehr als seltsam. Genauso wie die Umgebung, und die Männer unter denen ich mich plötzlich befand. Ich versicherte der Gruppe dass die Uhr keine Rolex sondern ein Geschenk meiner Frau gewesen war, und ich über deren Wert nicht Bescheid wusste. Tatsächlich hatte sie mir die Uhr aus einem bestimmten Anlass in China geschenkt. Sie sah zwar besonders gut aus, war auch kein Billigramsch, aber vom Wert einer Rolex doch sehr weit entfernt. Schließlich verlangte einer von ihnen meinen Reisepass- und bot mir an in einer Hütte gemeinsam mit der Gruppe etwas zu trinken. Was ich schließlich dankend ablehnte, mein Magen erklärte ich, war nicht der beste. Nun war auch noch ein junger Uniformierter hinzugekommen und stellte weitere seltsame indiskrete Fragen. Die ganze Veranstaltung war mir bereits mehr als unbehaglich. Schließlich zog der Anführer wieder seinen Taschenrechner aus der Jacke und rechnete erneut herum. Ein großzügiges Angebot unter „ guten Freunden“, 1700 Rupien samt Jeep und offiziellem Führer. Schließlich willigte ich ein, welche andere Wahl hatte ich schon, wollte ich nicht unverrichteter Dinge wieder abziehen? Ich bekam einen Zettel auf dem ich unterschreiben sollte über meine Rechte, Pflichten und Gefahren innerhalb der Anlage aufgeklärt worden zu sein und gab mir, nachdem ich unnachgiebig darauf gedrängt hatte endlich meinen Pass zurück. Darauf verließen wir die zwielichtige Atmosphäre der Hütte. Drei aus der Gruppe am Tisch, der Uniformierte und ich bestiegen einen alten Jeep den man inzwischen von irgendwoher geholt hatte.

Nach einigen Minuten über eine holprige Piste, neben ausgetrockneten Flussbetten und durch dürres Gebüsch, zeigte unser uniformierter Fahrer auf ein abseits liegendes großes, zerstückeltes Skelett eines toten Tieres. „Antilope“, meinte er lapidar.  „Tiger essen!“.

Ich schwieg dazu, sah mich vielmehr bereits in düsteren Gedanken, meiner „Rolex“, der Kamera und den anderen Habseligkeiten entledigt, der abgenagten Antilope am Straßenrand Gesellschaft leisten. „Dort, dort…!“ deutete einer der anderen plötzlich in eine Richtung. „Ein Hirsch!“.  Doch so sehr ich mich auch anstrengte, ich sah nichts außer Steppe und Gras. Wir holperten weiter die mit größeren Steinbrocken eingerahmte Piste entlang, wobei ich mich schließlich bald sehr intensiv in eine Fernsehserie aus meiner Kindheit, welche sich „Daktari“ nannte, versetzt fühlte. Damals waren die Darsteller, eine kleine Gruppe von Wildtierärzten, samt einem zutraulichen Schimpansen auf der Rückbank, in einem wie ein Zebra schwarz-weiß, gestreiftem Jeep durch ähnliche Landschaften gerattert. Die Inder um mich hatten sich ständig irgendetwas zu erzählen, blickten dazu manches Mal verstohlen auf mich, manches Mal nicht. Bis schließlich einer von ihnen fragte ob ich eigentlich in der Lage war ihr „Hindu“ zu verstehen. Hier konnte ich schwer lügen, denn eine einzige Frage hätte genügt.

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Ich fasste im Geiste meine Situation zusammen: Ich befand mich mitten im tiefsten Indien, unterwegs in einem mehr als betagten Fahrzeug dessen Herkunft nicht weniger fragwürdig war, mit einer Gruppe völlig unbekannter dubioser Gestalten mit denen ich, aus Gründen die mir wenig klar waren im selben Fahrzeug saß. Wenn es darauf ankam, war ich auf mich allein gestellt in einem menschenleeren Park in dem es wilde Tiere gab. Dazu noch ohne gültige Eintrittskarte unterwegs. Kein Mensch wusste von meinem Aufenthaltsort. Der einzige Hinweis auf meine Existenz hier war ein Zettel, auf welchem ich unterschrieben hatte selbst für alle Vorkommnisse verantwortlich zu sein, und der sich nun Gott weiß wo befand. Die seltsamen, ständigen Fragen und das unverständliche Gerede über mich in ihrer Sprache stärkte mein Vertrauen in das ganze Unternehmen nicht gerade.

Nach einiger Zeit bog unser Fahrzeug plötzlich von der Piste ab, auch von dem zweiten Fahrzeug das vor uns sein musste, war nichts mehr zu sehen. Wir kamen zu einer Einfahrt, hinter welcher einige hässliche Betonklötze standen, umgeben von einer Mauer.  „Machen Pause“, war die lapidare Auskunft.

Einer der hinteren Männer in einer Trainingshose bezeichnete sich nun schließlich auch als Ranger und hauste nach eigenen Angaben ständig in einem dieser Bunker. Man bot mir wieder Getränke an die ich jedoch ebenso dankend wieder ablehnte. Durch die offene Zimmertür konnte ich einen Blick in das Innere des Raumes werfen, wo zwei dürftige Liegestätten und ein Tisch zu sehen waren. Im ganzen Zimmer lagen leere Gläser und Flaschen, Zigarettenreste und schmutzige Kleidungsstücke chaotisch verstreut. Muffiger Geruch drang durch die Tür. Von irgendwoher tauchte schließlich noch ein weiterer, junger Uniformierter als sogenannter Ranger auf und setzte sich zur  Gruppe oben auf die dürftige Terrasse. Es wurde viel geredet, gedeutet und geraucht. Ich hielt mich unten auf, besah das Gelände ringsum und hielt mich vorsichtshalber in der Nähe des Fahrzeuges bereit. Was, dachte ich, wenn nun einer mit dem Wagen hier mitten im Nichts verschwand? Mir fiel dabei nichts Besseres ein, als das von Hand aufgemalte Kennzeichen unseres Jeeps zu fotografieren und ich fragte nochmals nach oben was wir hier eigentlich zu suchen hatten.

Machen Pause. 10 Minuten!“ kam die gleiche Antwort. Als hätten meine Gehirnwindungen telepathische Fähigkeiten, war inzwischen der neu hinzugekommene Ranger an mir vorbei von hinten in den Jeep gekrochen. Ich fragte auf die Terrasse hinauf ob wir nun endlich weiterfahren würden.

„Unser neuer Freund fährt ab jetzt den Jeep!, rief mir der bisherige Fahrer von oben zu.

„Kein Problem“ meinte ich, und wollte auch hineinklettern.

„Nicht Du!“ kam die Antwort von oben, „Er macht nur eine Probefahrt, einen Test…“

Test? Wozu…??“ fragte ich nun bereits äußerst harsch.

Keinesfalls wollte ich in einem dieser stinkenden Zimmer hier mein Licht ausgehaucht wissen. Dann lieber im heiligen Ganges, wenn es schon sein musste. Ich fragte mich, ob ich aber vielleicht an Paranoia zu leiden begann. So plötzlich wie der Test notwendig geworden war, ließen sie ihn nun jedoch wieder ausfallen. Kommentarlos fuhren wir weiter.

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Eineinhalb oder zwei Stunden später überquerte ich endlich den Ganges über die Brücke eines mehr als baufälligen Wasserkraftwerks, welches sich quer über den Fluss erstreckte. Das Ganze machte den Eindruck als stamme es noch aus Nehru`s Zeiten. Ob damit noch irgendeine Art von Strom produziert wurde war mehr als zweifelhaft.

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Einige Zeit streifte ich noch im Bahnhofsviertel umher, nahm irgendwo eine kleine Mahlzeit ein und ließ mich müde und erschöpft nachhause transportieren.

Anschließend schlenderte ich frei von solch komplizierten Überlegungen die dörflichen Seitenstraßen hinter dem Hotel entlang. In Richtung Ganges. Hier
gab es, konträr zu den üblichen, schlecht gebauten und abstoßenden Zweckbauten, eine Reihe neuerer, gepflegter Häuser für ein oder vielleicht zwei Familien. Mit breiten Einfahrten und umgeben von hohen Mauern mit goldfarbenen Gitterstäben darauf. Alles jedoch auf sehr kleinen Grundstücken. Ärzte, Juristen und andere wohlhabende Inder waren die Besitzer, wie auf kleinen Täfelchen neben den Eingängen zu lesen war. Jedoch unmittelbar außerhalb der Mauern ringsum wieder dasselbe Bild. Vermüllte, unbefestigte Wege zwischen stinkenden Rinnsalen, wandernden Kühen und streunenden Hunden.

Etwas später kam ich an einem der üblichen kleinen Läden vorbei, wo ich auf dessen kleinem Vorplatz etwas für Indien erstaunliches zu sehen bekam. Ein Mann der einen Hund wusch und einseifte! Was auf mich, in diesem Land der Millionen einsamer Streuner schließlich einen erfreulichen, fast vertraut menschlichen Eindruck machte.

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Ich spazierte weiter die Straßen hinab ins Zentrum und bekam in der schwülen Hitze des Vormittages Lust darauf, einen jener herrlich erfrischend aussehenden Limonendrinks zu probieren, welche überall am Straßenrand angeboten wurden. Auf einem kleinen Karren mit zwei Rädern waren unter einem Sonnenschirm auf der rechten Seite einer Glasvitrine ein Stapel frischer Zitronen sowie auf der linken Seite eine Reihe durchsichtiger Glasflaschen ausgestellt. Verlockend wie alles aussah, wollte ich sofort davon kosten. Gleich neben dem Karren wurde eine altertümlich wirkende Maschine, welche von einem Dieselmotor angetrieben war in Betrieb gesetzt. Dicke Bambusrohre wurden von dem Ungetüm verschlungen um dafür am vorderen Ende einen merkwürdigen Brei aus Fasern mit einer flüssigen Substanz auszusondern. Die Bambusrohre waren in Wahrheit jedoch Zuckerrohr, was man ob der Dicke und trockenen Festigkeit kaum vermuten konnte. Das Ganze wurde gemischt, gestampft, dies und jenes zugeführt sodass es wie in einem Hexenkessel brodelte, zischte und rauchte. Der Brei und die Flüssigkeit wurden in ein Blechgefäß gefüllt, alles gemixt gerührt, einiges davon wieder weggeschüttet, der Rest umgefüllt in einen Becher und das Ergebnis dann mir in die Hand gedrückt. Alles für zehn Rupien, also etwa € 0,15. Kaum jemals hatte ich jedoch gekostet, musste ich verblüfft feststellen, selten etwas Ekelhafteres, Bittereres und zugleich Salziges in meinen Mund gespürt zu haben.

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Da der junge Bursche, der dies alles ganz sorgfältig zubereitet hatte, ein sehr liebenswürdiger und freundlicher Mensch war, wollte ich ihn jedoch nicht beleidigen und spukte das grässliche Zeug erst sobald er sich umgedreht hatte, hinter mir auf den staubigen Boden. Mir war,  als hätte ich pures Geschirrspülmittel gegurgelt.

Am Bahnhof von Haridwar, den ich schließlich wieder zu Fuß erreichte, herrschten unglaubliche Zustände. Am Vorplatz rannte mir schon der erste Trupp von vielleicht domestizierten Wildschweinen über den Weg um in einem Müllberg am anderen Ende zu wühlen, die sich dann einiges davon hervorzogen, um schließlich kurz darauf hinter Schutthäufen in einer der zahlreichen, ewigen Baustellen wieder zu verschwinden.

Im Inneren des Gebäudes lagerten, eingehüllt in Decken die Menschen kreuz und quer auf dem Boden. Beim Anblick jener verwahrlosten, noch niemals mit Putztüchern in Berührung gekommenen Schalterhallen und seinen unvermeidlichen Menschenschlangen, eingepfercht und zwischen den eisernen Wartestangen Drängenden, verspürte man nichts als die Lust unverzüglich wieder umzukehren. Jene bevorstehenden, langwierigen Diskussionen mit oft unfreundlichem, überfordertem Personal, verschanzt hinter ihren Gitterstäben über den schmutzigen Scheiben und nur ansprechbar durch winzige Luken, zu denen man sich als Fahrgast hinunter zu beugen hatte.

Hatte man Pech erhielt man die Antworten noch dazu in kaum verständlichem Englisch und erfuhr kaum etwas anderes als das Desinteresse auf seine Fragen oder gar an irgendwelchen Lösungen.

Da Sonntags der Personalstand der Fahrkartenverkäufer noch dünner war als an den anderen Tagen und Ticketreservierungen an diesem Tag offenbar überhaupt unmöglich waren, blieb mir nichts anderes übrig als mich am nächsten Tag erneut her zu bemühen um ein weiteres Mal vorzusprechen. Wovor mir im selben Moment bereits graute.

Hunderte hatten sich eingefunden, hockten auf den Stufen am Flussrand und ließen sich von bissigen Wärtern wie Herdentiere zusammentreiben. Während auf der gegenüberliegenden Seite etwa zehn Mönche, einige davon in orange Gewänder gehüllt im Rhythmus ihre Suren zu leiern begannen, sprangen die uninformierten Wärter mit Trillerpfeifen herum, pfiffen (mangels Hupen) wie wild in die Menge, gestikulierten und belehrten die Frommen über geziemliches Verhalten auf derart geheiligtem Gelände oder wiesen sie barsch zurecht und machten sich auf alle Art wichtig.

Hier und dort durfte man sich ihrer Meinung nach nicht hinsetzen, keinesfalls irgendwo anlehnen sondern hatte sich genau dorthin zu hocken, wohin einen die Aufpasser mit ihren Fingern einen Platz zuwiesen. Als schließlich der Gesang auf der anderen Seite einen gewissen Höhepunkt erreichte, sprangen die Wärter nun in die Mitte der Knienden und Hockenden und begannen auf diesen oder jenen Gläubigen durch die Musik hindurch laut einzubrüllen, wobei ich nicht erkennen konnte, was im Einzelnen deren Verfehlungen gewesen waren. Einige hatten sich offenbar nicht nahe genug zusammengedrängt oder nicht euphorisch genug an den entsprechenden Stellen der Rhythmen die Hände in die Höhe gerissen.

Man konnte sich dabei jene, in letzter Zeit häufigeren Übergriffe Extremistisch- er Hindus im Norden Indiens gegenüber verschiedenen Andersgläubigen gut vor Augen führen. Jegliche derartiger Massenkundgebungen samt ihrem Getöse, auf welchen versucht wurde, die Menschen durch zugebrüllte Befehle und die daraus entstehende Gruppendynamik dazu anzutreiben dieses und jenes zu tun oder zu unterlassen, waren mir auf das Tiefste zuwider. Viele Menschen schienen jedoch weltweit das genaue Gegenteil zu empfinden. Sie fühlten sich nur wohl inmitten einer dumpfen Menge gleichgesinnter, leidenschaftlicher Befehlsempfänger. Dort wurden sie schließlich nicht dazu aufgefordert, das zu tun was solchen Menschen oft am schwersten fiel, nämlich eigenen Verstand oder Urteilsvermögen einzuschalten. Sie fühlten sich am sichersten, in dem sie genau das taten, was alle anderen vor und neben ihnen machten, dasselbe schrien was alle anderen schrien!

Allein, einige Zeit später stand ich wieder vor dem Bahnhof den ich einst zum Zweck des Geldwechselns verlassen hatte. Alles was sich üblicherweise auf Indiens Straßen bewegte oder dort niedergelassen hatte, hatte ich inzwischen gesehen. Mit Ausnahme der National Bank! Irgendwann, nach einer weiteren halben Stunde des Suchens und Umherirrens, fand ich mich in einer schmalen, staubigen Seitengasse wieder, in welcher immerhin sogar die Hälfte der Straßendecke einen festen Belag aufwies. Von der indischen Nationalbank hatte ich naiver Mensch zwar nicht das Prunkgebäude einer westeuropäischen Nationalbank erwartet. Aber doch keinesfalls das was mir hier gegenüberstand.

Als ich vor dem elenden Bau mit einer vor Schmutz fast undurchsichtigen Glastür stand, was hier der Eingang zu sein schien, ohne Scherengitter zwar, aber die sich vor Altersschwäche und dem Mist, welcher sich im Laufe der Zeit unter der Tür angesammelt hatte, gerade so weit aufzwängen ließ, dass es mir als dünner Mensch der ich inzwischen glücklicherweise bereits wieder geworden war, hinein zu schlüpfen gelang.

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Plötzlich eine leichte Explosion unmittelbar daneben. Ein Anschlag? Schwarzer Rauch nahm mir kurzzeitig die Luft. Sollte ich mich auf den Boden werfen? Als der Rauch sich verzogen hatte kannte ich die Antwort. Rechts neben mir hatte einer die Starterschnur gezogen um einen altersschwachen, dieselbetriebenen Notstromgenerator in Betrieb zu setzen, nachdem es im Inneren der Bank gerade finster geworden war.

War ich in den meisten der vorher betretenen Banken, bei welchen man mich wegen Unzuständigkeit höflich abgewiesen hatte, jeweils der einzige Besucher gewesen, war hier in der Nationalbank geradezu die Hölle los. War ich hier auf eine aufgebrachte Masse von notorischen Geldwechslern gestoßen, welche mit ihren Zetteln und Formularen bewaffnet damit durch die Luft wedelte und wild durcheinander rief?

Die unweit vom Hotel liegenden Tempelanlagen waren weitläufig. Auch sie erinnerten mich wieder an jene, in denen ich vor gut 25 Jahren im  Norden Thailands, an den Grenzen zum damals streng kommunistischen  Laos gewandelt war. Vielleicht sogar mit ähnlichen Überlegungen. Ich konnte mich jedoch nicht mehr daran erinnern. Nur ein vertrautes Gefühl war noch im Hinterkopf vorhanden. Die zahlreichen Gebäude der Tempelanlage mochten neueren Datums sein. Durch die obligat mangelhafte Bauweise sowie die allgemeine Verwahrlosung, konnte man jedoch dem Gefühl erliegen in einer schon alten Anlage zu sein, in der noch ein spiritueller Ansatz vorhanden war. In Wahrheit war dieser aber längst verflogen. Was man noch verspürte, war bestenfalls ein Gefühl dafür wie es einmal gewesen sein konnte.

Die letzten Stunden in Haridwar schlenderte ich noch einmal entlang des Ganges, kam im Zentrum an den Rand eines Parks wo Menschen in Elendshütten zwischen dem üblichen Müll hausten. Zusammengezimmert aus Abfallteilen und Plastikplanen und eingezäunt mit Holzstecken, beinahe wie eine kleine Schrebergartensiedlung. Wobei an den improvisierten Türen sogar kleine Vorhängeschlösser angebracht waren, was etwas seltsam anmutete. Was war hier zu holen?

Am anderen Ufer des Ganges wuschen Menschen im Wasser des Flusses ihre Autos und sogar einige Autobusse. Ein Stück weiter unten wurde im selben Wasser gebadet. Dahinter schichtete man Holzklötze zu einer Art Scheiterhaufen auf, welchen man kurz später anzündete. Soweit ich erkennen konnte, wurden darauf jedoch keine Leichen verbrannt wie es zuerst den Eindruck erweckte. Unablässig, wie Arbeiterameisen trugen die Inder Holzpflöcke um Holzpflöcke aus einem Gebäude etwas oberhalb, warfen sie auf die Scheiterhaufen, kehrten zurück um neue zu holen. Nichts von alledem was ich in den letzten Stunden beobachtet hatte, wäre in irgendeiner Weise in Europa zu sehen oder auch nur im Entferntesten möglich gewesen. Man fühlte sich wie eine Sonde von einem fremden Planeten, das rätselhafte Treiben  fremder Wesen beobachtend.

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Das Elend in diesen Städten war, dass keinerlei soziale Komponenten existierten. Einfachste öffentliche Einrichtungen oder menschliche, soziale Begegnungsstätten wie Parks, Alleen, Grünflächen irgendeiner Art, die diesen Namen auch verdient hätten waren so gut wie nirgendwo vorhanden. Nicht einmal Bänke am Straßenrand. Was man bestenfalls zu sehen bekam, waren mit Unrat übersäte, dürftige Grasflächen ohne jegliche Möglichkeit sich zu einer noch so kleinen Ruhepause irgendwo niederzulassen. In der ganzen Umgebung war mir inzwischen nur ein einziger Ort bekannt in dem dies halbwegs möglich war.

 

Rishikesh

Am Ziel wollte ich mir nach dem ganzen elenden Gerüttel nun etwas gönnen. In einer Straßenbude, gegenüber dem dortigen Busbahnhof bestellte ich einen Tschai, im abgewetzten Zahnputzglas serviert. Dazu einige Stücke dieser erfreulichen Kokoskuchen. Alles am Straßenrand, mit Plastiksessel und Plastiktisch, auf welchen immerhin noch die ursprünglich helle Farbe zu erkennen war, unter der inzwischen vom Staub und den Abgasen der Straße schwarz gewordenen Schicht.

Ich vermutete, in welcher Richtung in dieser Stadt sich etwa der Ganges befinden musste und zog los. Vorbei an  der Müllkippe beim Busbahnhof, welche einmal ein Park gewesen war und hinter den Hauptstraßen der Stadt kam ich in enge Gassen die tatsächlich betoniert (statt asphaltiert) waren.

Das Erstaunliche: zwischen niedrigen, freundlichen Häusern war  alles sauberst gekehrt und frei von Müll oder Schmutz. Noch ungewöhnlicher als die Gassen aus Beton aber war, vor einigen der Häuser hatte man tatsächlich Blumenschmuck angebracht. In bunten Farben sprossen allerlei Pflanzen, aus Töpfen herabhängend über die Mauern oder Fensterbänke. Rot leuchteten die Blumen aus dem einen oder anderen adrett gestalteten Vorgarten. Wer mochte hier wohnen? Welche außergewöhnlichen Menschen mochten sich darum sorgen, dass ein kleines Viertel in einer Stadt so völlig anders, so nett, direkt gepflegt aussehen mochte. Das zweite Wunder folgte auf den Fuß. Ich fragte einen Menschen auf einem Motorrad sicherheitshalber nach der Richtung, in welcher sich der Ganges befand. Was die Richtung betraf hatte ich richtig vermutet, bei der Entfernung schien ich mich aber etwas geirrt zu haben. Wie immer, und das erstaunt in Indien, hatte man auch hier sofort die Anzahl der Kilometer parat. Fünf oder sechs km bis zum Ganges, meinte der Mann, viel zu weit zum Gehen.

„Setz Dich hinten auf mein Motorrad“  meinte der freundliche Mensch. Sanft und schwungvoll steuerte er an all den Hindernissen vorbei und ließ mich nach etwa ein oder zwei Kilometer vor einer der Bazarstraßen absteigen und erklärte mir noch in welche Richtung ich mich weiter zu wenden hatte. Keine ausgestreckte Hand, kein Betrag, kein Wunsch nach zehn oder fünfzig   Euros.

„Danke vielmals!“ brachte ich noch hervor.

„Kein Problem…“ sprach er noch und brauste schon davon.

Kaum jemals war ich so sanft und freundlich befördert worden.

Tatsächlich, nach einigen hundert Metern war ich am Fluss. Hinter einer betonierten Plattform, auf welcher man erfreulicher Weise weder gezwungen war sich seiner Schuhe zu entledigen, noch sonst irgendetwas abzugeben. Über Steine und Schlamm watete ich zum Flussbett.  Etwas oberhalb, an jene Plattform angeschlossen war man dabei eine Art Promenade entlang des Flusslaufes zu bauen. Wer jemals Asterix & Obelix gelesen hatte und dabei jene Sklaven, welche an den Römerstraßen bauten, , der hatte nun ein ähnliches Bild vor Augen. Von dem wie hier wie lächerliche zweitausend Jahre später unverändert ans Werk gegangen wurde. Ein einzelner Mensch hatte hier vermutlich bei dem Tempo und der Herangehensweise seine Lebensaufgabe gefunden. Doch immerhin, man brauchte dann in Zukunft entlang des Flusses nicht mehr durch Lehm, Abfall oder Gerümpel flanieren.

Den Holy Ganga sah man von weitem hinter einer langen Biegung hervorkommen. An dessen gegenüberliegender Seite war ein fadenscheiniges Wäldchen zu sehen, welches sich über einen kleinen Hang hinauf erstreckte.

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Das letzte Wunder des Tages schließlich: Es gab hier tatsächlich Sitzbänke! Kaum jemals hatte mich der Anblick normaler Parkbänke derart entzückt. Der Bürgermeister oder irgendein Mensch dieser vorzüglichen Stadtregierung musste ein Revoluzzer sein, einer der das hatte, was Millionen andere in diesem Land nicht hatten. Er hatte Gestaltungswillen! Entlang dieser Promenade, welche an ihrer Hinterseite an eine hohe Betonmauer grenzte über der sich die Dorfstraße befinden musste, die Gelegenheit zu geben sich auszuruhen. Den Besuchern dieser Stadt oder den Einheimischen welche abends hier vorbei flanierten, auf feinen, grünen Bänken zu sitzen. Diese Stadt hatte Stil. Das musste unverzüglich genutzt werden.

Abfahrt nach Lucknow

Die permanenten Überlebenskämpfe der vergangenen Tage, beim Überqueren von Indiens Straßen, die Absturzgefahr in die Kanalisation beim Begehen von dunklen Gehsteigen, die endlosen Menschenmassen welche mir, seit ich Indien betreten hatte, permanent auf den Leib gerückt waren, dazu nun dieser Hundeschlafplatz – gleichsam wie auf dem Löffel eines gespannten Katapultes verfolgten mich nun im Halbschlaf. All das war vermutlich dazu geeignet, einen Grundstein für eine zukünftige, lebenslange Paranoia zu legen. Mit solcherlei, wenig fröhlichen Gedanken im Kopf brachte ich schließlich diese Nacht herum.

Irgendwie schaffte ich es gerade eine gute Stunde, bis etwa 5:00 Uhr morgens zu schlafen, als mich von den Beinen herauf starke Kälteschauer wieder weckten. Durch jede der unzähligen Ritzen und Öffnungen des Waggons blies mir wie ein Sturm eiskalter, nächtlicher Fahrtwind entgegen. Die Züge konnten auf gewissen Streckenabschnitten durchaus gute Geschwindigkeiten erreichen. Anschließend stand man jedoch wieder aus unersichtlichen Gründen auf unbedeutenden Bahnhöfen endlose Zeit herum ohne dass sich irgendetwas weit und breit bewegte. Vermutlich, damit ein mögliches, zu frühes Ankommen auf alle Fälle verhindert wurde. Möglicherweise waren für Indiens berüchtigt lange Fahrzeiten nicht nur die schlampige Bauweise der Infrastruktur auf Grund von Korruption oder der schlechte Zustand der Züge verantwortlich, sondern auch noch die dazwischengreifenden Hände der Eisenbahnergewerkschaft. Je langsamer ein Zug schließlich fuhr, desto mehr Personal wurde benötigt, desto mehr Stunden wurden ausbezahlt, desto besser für die Gewerkschaft. Dieses Phänomen allerdings war auch in Europa nicht unbekannt.

So legten wir in dieser Nacht läppische 430 km in der sagenhaften Zeit von über 12 Stunden zurück.

Im Nachbarland China auf neuen Hochleistungsstrecken würde man für eine vergleichsweise große Distanz weit weniger als 2 (!) Stunden benötigen. Aber Indien war schließlich nicht China und noch weniger Westeuropa.

Lucknow

Noch zittrig von den nächtlichen Strapazen verließ ich den Zug am Bahnhof von Bahnhof Lucknow. Natürlich war ich sofort – wie üblich – sobald man mein westliches Gesicht erspäht hatte, von zahllosen Rikschafahrern, Hotelanbietern und sonstigen Hilfreichen umzingelt war.

Meine ganzen Reisen waren solchermaßen aufgebaut, dass, bevor ich eine neue Stadt bereiste, an einem der Tage zuvor in einem Internetcafé oder seltener an einem verfügbaren Hotelcomputer, ein geeignetes Hotel für die erste Nacht in einer neuen Stadt reservierte. Diese Methode, Hotels im Vorhinein über Internet, meist über einen vertrauten Anbieter zu reservieren verwendete ich bereits über viele Jahre hinweg auf all meinen Reisen. Wobei zum Unterschied von europäischen Hotels, jene hier in Indien, bis auf wenige Ausnahmen, dann tatsächlich grober von dem was online angepriesen wurde, abwichen. Hier waren nicht die Fotos der Anbieter verblasster als die Realität sondern umgekehrt.

Mein Hotel hier in Lucknow war nun also genau das Gegenteil vom feinen Urmi in Haridwar und trug das Seine dazu bei, um meine Stimmung in Grenzen zu halten. Zu behaupten es wäre eine kleine, elende und räudige Hinterhofabsteige war vielleicht übertrieben, jedoch nicht allzu sehr.

Nach den üblichen vier oder fünf Passkopien, meiner Registrierung im Computer, dann jenen eigentlichen, handschriftlichen Eintragungen in das obligate, riesige und abgeschmierte Hotelmeldebuch sowie zwei oder drei noch von mir auszumalende Formulare samt Durchschlag, (sogar den Namen und Vornamen meines vor 25 Jahren verstorbenen Vaters wollten Lucknow‘s Bürokraten hier noch einmal wissen) – dann lediglich noch mehrere Unterschriften und man war auch schon bereit, mich hier als zahlenden Gast aufzunehmen.

Luknow bestand aus zwei Stadtteilen, dem historischen Kern Husainabad und dem nichtssagenden modernen Zentrum Hazatganj. Der Vorteil lag darin, dass somit ein Großteil aller sehenswerten und historischen Bauwerke in einem kleinen, zu Fuß begehbaren Umkreis lag und der Rest der Stadt, mit seinen üblichen, der Profit und Verwertungsgesellschaft entsprungenen Betonkastenobjekten getrost vernachlässigt werden konnte.

Ihren geschichtlichen Höhepunkt erlebte diese Stadt im 19. Jahrhundert, während des so genannten Sepoy-Aufstandes. Einer Meuterei indischer Soldaten innerhalb der britischen Truppen und jene in der Folge von ihnen angezettelte, 89 Tage lang dauernde Belagerung der britischen Residenz Lucknow‘s, in welcher sich mehr als 3000 Menschen, darunter 237 Frauen sowie 260 Kinder verschanzt hatten. Die herangeführten britischen Hilfskräfte konnten zwar nach heftigen Scharmützeln bis zu ihren Landsleuten vordringen, wurden nunmehr aber selbst weitere 53 Tage zusammen mit den Überlebenden eingeschlossen. Noch heute liegen, mitten im Zentrum der Stadt die Ruinen jener britischen Residenz haargenau so zerstört und ausgebrannt, wie sie 1856 verlassen wurde. Auf dem Friedhof davor befinden sich die Gräber jener 2000 bei der Belagerung Verstorbenen, darunter auch jenes des Befehlshabers Henry Lawrence, welcher am 4. Juli 1857 nach heftigen Kämpfen hier ablebte. Bis zur indischen Unabhängigkeit 1947, also 90 Jahre lang, wehte anschließend Tag und Nacht über den Ruinen der Residenz die britische Flagge, in Erinnerung an jene für das britische Empire gefallenen Menschen.

Dieser Blog ist noch in Arbeit. Bitte um etwas Geduld.

 

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